Zeitung Heute : Landratten am Tau

Kerstin Heyde

Das Gefühl von unendlicher Weite, der Natur ganz nah, eine steife Brise im Gesicht und die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts: All das können deutsche Urlauber praktisch vor der Haustür erleben. An der holländischen Küste schippern erfahrene Kapitäne jede Landratte, die sich für seefest hält, mit traditionellen Segelfrachtschiffen übers Wattenmeer. Angeboten wird alles - vom Tagesausflug über den Wochenendtrip bis hin zum einwöchigen Törn.

Willem Sligting, Eigner der weltgrößten Brigantine mit dem herrschaftlichen Namen "Swan fan Makkum", nimmt im europäischen Winter sogar Kurs auf die Karibik, denn seine Yacht ist eine der wenigen, die auch hochseetauglich sind. Der 44-jährige Niederländer steht seit 23 Jahren im Ruderhaus und weiß, was Hobby-Matrosen begeistert. Das Besondere an einer Überfahrt mit dem Segelschiff sind nämlich die Reise-Begleitumstände. Gäste dürfen an Bord richtig zupacken und sich als Souvenir ein paar ordentliche Schwielen an den Händen mitnehmen.

Vorsicht, nasse Planken

Kurz nach dem Ablegen im Harlinger Hafen (75 Kilometer westlich von Groningen) brüllt Steuermann Maarten-Jan (32) auch schon die ersten Kommandos übers Deck. Fünf erwartungsfrohe Landratten zerren voller Tatendrang an einem Tau aus Naturfasern, um das schwere Großsegel samt Baum und Gaffel am Achtermast hochzuhieven. Matrose Ryan (25) gibt den Rhythmus vor. Das Tauziehen sieht aus wie ein lustiges Kinderspiel, doch die nassen Planken machen es zu einer ebenso schweißtreibenden wie rutschigen Angelegenheit. Die Entscheidung, dabei zu helfen oder auch nicht, überlässt Kapitän Willem allein seinen Passagieren (maximal 36 Personen). Selbst wenn keiner der Gäste dazu Lust verspürt, die fünf Rahsegel am Fockmast zu setzen, muss der "Schwan" die Flaute nicht fürchten. Ein kräftiger Dieselmotor und die 14-köpfige Stammbesatzung garantieren Fahrspaß.

Ziel der etwa 300 Traditionssegler vor der niederländischen Küste sind häufig die fünf westfriesischen Inseln Schiermonnikoog, Ameland, Terschelling, Vlieland und Texel. Kapitän Willem geht mit seiner "Swan fan Makkum" bevorzugt im Hafen von Terschelling vor Anker. Das zweitgrößte Eiland (71 298 Hektar), etwa 20 Kilometer vom Festland entfernt, ist Geburtsort seines Namensvetters Willem Barents, der im ausgehenden 16. Jahrhundert Spitzbergen entdeckte. Nach ihm wurde später auch das Meer nördlich Skandinaviens auf den Namen "Barents-See" getauft.

Schon von weitem sehen Terschelling-Besucher den 56 Meter hohen Leuchtturm "Brandaris". Der viereckige Backsteinbau von 1594 steht nicht wie üblich auf einer Mole, einer Landzunge oder irgendwo sonst am 30 Kilometer langen Sandstrand, sondern im Zentrum West-Terschellings. Die hübsche Inselhauptstadt könnte Ausgangspunkt eines gemütlichen Landgangs sein, den der ortskundige Willem interessierten Passagieren als kleinen Bonus offeriert. In original holländischen Holzpantinen führt er durch die weitläufige Dünenlandschaft und erzählt Spannendes aus Terschellings Vergangenheit - zum Beispiel über die berüchtigten Walfänger oder die vielen gestrandeten Schiffe, deren Historie die Inselbewohner im "Wrakken-Museum" (Wrackmuseum) aufgearbeitet haben.

Mit seinen tückischen Untiefen ist das Wattenmeer noch immer so gefährlich wie damals: Heute sollen jedoch knapp 3000 farbige Seezeichen verhindern, dass Schiffe dort auf Grund laufen. 7000 Kilogramm schwere Tonnen, auf dem Meeresboden mit einem 5000 Kilogramm schweren Betonstein samt Kette fixiert, markieren die Fahrrinnen. Landeinwärts steht rot für backbord (links), grün für steuerbord (rechts). Gelbe Tonnen warnen vor Untiefen. Von Bord der "Swan fan Makkum" aus betrachtet wirken die überlebenswichtigen Signale oft nur wie kleine bunte Punkte im Wasser, dabei sind sie bis zu fünf Meter hoch. Auf Terschelling gibt es eine von drei holländischen Stationen, in denen die Stahl-Kolosse regelmäßig inspiziert und gestrichen werden. Hunderte dieser bunten Riesen machen die Werkstatt zum Tipp für Hobby-Fotografen: Wer höflich fragt, darf das Gelände betreten und wird mit Motiven belohnt, die an Farbintensität kaum zu übertreffen sind.

Ähnlich imposant ist der Ausblick von einer bewaldeten Anhöhe auf Terschellings Hafen. Dort lässt sich die "Swan fan Makkum" in einem Meer aus Schonern und Klippern leicht ausmachen: Mit ihren 61 Metern Länge, dem quergetakelten Vormast (die Besonderheit einer Brigantine) und der schneeweißen Galionsfigur hebt sie sich deutlich von der Masse ab. Die Entscheidung, den Abend an Bord oder an Land zu verbringen, fällt nicht schwer. Zu romantisch ist die Vorstellung, im klassisch eingerichteten Innern des Schiffs die Kochkünste des Küchenchefs zu testen. Auch sonstigen Komfort wird der Reisende nicht vermissen. Was auf den ersten Blick antik wirkt, wurde 1993 nach historischem Vorbild gebaut und mit zeitgemäßer Technik ausgestattet. Dazu gehört auch, dass alle 18 Doppelkabinen über Dusche und WC verfügen.

So muss der Traditionssegler einen Vergleich mit luxuriösen Kreuzfahrt-Dampfern nicht scheuen. Wer jedoch Wert legt auf familiäre Atmosphäre und Ursprünglichkeit, der darf sich ruhig für den Segeltörn entscheiden. Wo die Kommandobrücke Steuerhütte heißt, muss es einfach gemütlicher zugehen. Und auch in der kleinsten Hütte bleibt Platz für modernstes Navigationsgerät. Das ist natürlich nur so gut, wie der Kapitän, der es bedient. Was Willem alles kann, verrät er seinen Gästen gern bei einem Tässchen Tee hinterm Steuer. An Deck peitscht derweil die Gischt über die Reling, aus der Kombüse duftet es verführerisch nach Gebratenem. Der Blick schweift hinaus über die dunklen Wassermassen, die nur unterbrochen werden von weißen Segeln und bunten Tonnen ...

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