Zeitung Heute : Lang erwartet und überfällig

Die US-Börsenaufsicht SEC reformiert nach fast 30 Jahren die amerikanische Finanzmarktstruktur

Peter J. Wallison

Ende Februar hat die US-Börsenaufsicht SEC die Vorschrift NMS veröffentlicht. Dieser Vorschlag zur Reform des US-Finanzmarkts wurde lange erwartet, denn eine Reform ist überfällig geworden. 1975 wurde der Finanzmarkt zuletzt umstrukturiert, als der Kongress einen Plan für ein nationales Marktsystem für konkurrierende Börsen annahm. Danach konnten alle Aktien, die an der New Yorker Börse, der New York Stock Exchange (NYSE), gelistet sind – und die meisten Aktien sind dort gelistet –, auch an anderen Börsen gehandelt werden. Und alle Börsen waren Parkettbörsen.

Es kam zu einer Revolution auf den Finanzmärkten. Ein informeller Händlermarkt, der 1975 nicht-gelistete Wertpapiere außerbörslich handelte, wurde zu „Nasdaq“, einem offiziellen Markt, der sehr viele Notierungen anzog. Neue computergestützte Handelsplätze, die die passenden Orders automatisch zusammenführen (Elektronische Kommunikationsnetze, kurz: ECNs), begannen wiederum, dem händlergestützten Markt Nasdaq Konkurrenz zu machen. Und – als Antwort – wurde die Nasdaq zu einem vollständig elektronischen Markt.

Die Konkurrenz zwischen den Handelsplätzen im Nasdaq-Markt ist so scharf, dass die Nasdaq selber nur noch 20 Prozent der an ihr notierten Aktien handelt; 80 Prozent des Handels laufen an den ECNs. Währenddessen ist die New Yorker Börse der dominierende Handelsplatz für NYSE-notierte Wertpapiere – fast konkurrenzlos. Etwa 80 Prozent des Handels mit NYSE-gelisteten Wertpapieren findet auch an der NYSE statt. Die vom Kongress erwarteten Konkurrenzmärkte haben sich nie entwickelt.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig, aber die regulatorischen Entscheidungen der SEC spielen wohl eine wichtige Rolle. Seit 1975 hat die SEC Regeln – etwa die Trade-through-Regel – genehmigt, die den Status der NYSE beim Handel mit NYSE-notierten Wertpapieren tendenziell unterstützen. Die Trade-through-Regel verlangt, dass alle Orders über den Kauf oder Verkauf von börsengelisteten Wertpapieren zur Ausführung an den Markt mit dem besten Preis gegeben werden müssen. Da die NYSE der größte und liquideste Markt für solche Wertpapiere ist, sind die Preise meist die besten – und die Aufträge gehen zuerst hierher.

Ursprünglich war die Nasdaq ein Markt, der sich auf Händler stützte, die Märkte für nicht-börsennotierte Wertpapiere schufen, indem diese als Eigenhändler kauften oder verkauften. Als Händlermarkt unterlag die Nasdaq nicht der Trade-through-Regel und war so verwundbar für Wettbewerber, mit besserem Service oder anderen Vorteilen. Solch ein Wettbewerber erschien Ende der 90er Jahre, als die ECNs anfingen, automatisch Orders für Nasdaq-Wertapiere zusammenzubringen. Die institutionellen Investoren stellten fest, dass sie so Handelsaktionen zu geringeren Kosten abwickeln und insgesamt bessere Preise über die ECNs erzielen konnten. Diese konkurrierenden Handelsplätze nahmen den Händlern der Nasdaq Marktanteile ab. Um seine Stellung zu bewahren, beantragt die Nasdaq bei der SEC zum privaten elektronischen Markt zu werden, der mit den ECNs um Marktanteile beim Handel mit Nasdaq-gelisteten Wertpapieren konkurriert.

Also charakterisierten den US-Wertpapiermarkt im Jahr 2004 zwei vollkommen unterschiedliche Marktstrukturen.

Fortsetzung Seite B 7

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar