Zeitung Heute : Lara Croft unter Mordverdacht

Das neue Tomb-Raider-Spiel im Expertentest. Das Ergebnis: Guter Charakter, aber beweglich wie ein Beton-Lkw

Gregor Wildermann

Wirkliche Fans bleiben über Jahre treu ergeben, verzeihen Schwächen und machen alle Höhen und Tiefen in der Karriere ihres Künstlers mit. Sie interessieren sich fürs kleinste Detail, was den Designern einer weiblichen Spielfigur namens Lara Croft (Maße 86/60/91) spätestens beim ersten Anruf eines Fans aus Japan auffiel. Denn über Laras wirklichen Geburtstag hatte sich 1996 noch niemand Gedanken gemacht. Seitdem hat sich beim englischen Entwickler Core Design einiges geändert. Lara Croft hat als Popfigur längst jede digitale Begrenzung überwunden. Laut Umfragen würden 95 Prozent aller Männer im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren Lara Croft sofort erkennen. Weltweit wurden seit 1996 rund 28 Millionen Spiele der bisher fünf Editionen für PC und der ersten PlayStation verkauft. Noch vor dem großen Start des zweiten Tomb-Raider-Kinofilms am 14. August kommt in Europa ein neues Spiel auf den Markt: „Tomb Raider: The Angel of Darkness“ – für PlayStation 2 und PC erschienen.

Darauf wartet der Berliner DJ Jauche aka Jack Flash seit Monaten. Sein Musikstudio am Rosenthaler Platz zieren mehrere Lara-Croft-Poster. Die PlayStation-2-Konsole ist willkommene Abwechslung zur langen Studioarbeit. „Die erste Edition war sehr schwer, weil es wenig Speicherpunkte gab. Der zweite Teil war das beste Spiel, weil die Story funktioniert hat, die Spiellänge stimmte. Der dritte Teil war auch gut, während der vierte eher bescheiden ausfiel. Na ja, und das fünfte Spiel haben viele Lara-Fans wohl eher als Beleidigung verstanden!“

Dem Titel folgend, verstarb Lara Croft in ihrem letzten Abenteuer „The Last Revelation“. Man ahnte, dass sie zurückkehren wird. In „Angel of Darkness“ führt Lara ein verzweifelter Anruf ihres früheren Mentors Von Croy nach Paris. Von Croy wurde von einem mysteriösen Klienten beauftragt, eines von fünf Bildern aus dem 14. Jahrhundert zu finden. Von Croy wird ermordet. Lara (gesprochen von Angelina Jolie) steht unter Mordverdacht und flieht. Lara begegnet dem gleichgesinnten Kurtis Trent, der im neuen Game auch spielbar ist.

Testspieler DJ Jauche aka Jack Flash hält nichts von solchen Alternativen. „Tomb-Raider-Fans wollen mit Lara spielen. Sie brauchen keinen anderen Charakter. Beim neuen Spiel ist wichtig, dass gute Rätsel eingebaut sind. Die Grafik ist auf den ersten Blick aber ganz schön schwammig. Das Kantenflimmern nervt auch.“ Die tollkühne Archäologin besteht jetzt aus 5 000 Polygonen (früher 500) und über 500 Bewegungsanimationen (früher 125). Außerdem wurden Dialogoptionen und eine Charakter-Entwicklung eingebaut. Lara kann sich an Gegner heranpirschen oder an Wände drücken. Echte Innovationen sind aber nicht zu finden. Die mehrmaligen Verschiebungen des Veröffentlichungstermins nähren den Verdacht, dass die Entwicklung problematisch ablief. Das ausgefallene Weihnachtsgeschäft war für die Mutterfirma Eidos mehr als schädlich. Der ungewöhnliche Veröffentlichungstermin im Sommer ist eine Deadline. Im Juli endet das Finanzjahr von Eidos. Wenn bis dahin keine Erfolgszahlen des Spiels verbucht werden, sind rote Zahlen programmiert.

Gerade mit den extrem populären Titeln, Fortsetzungen von Sporttiteln oder beliebtem Kinofranchise macht die Videospielindustrie ihre großen Umsätze. Nach den USA, wo das Spiel am vergangenen Wochenende erschien, kennt in Europa noch niemand das exakte Verkaufsdatum. Für die PC-Version wird der 4. Juli angegeben (Preis: 49 Euro). PS2-Fans sollen das Spiel ab dem 27. Juni in den Händen halten (für 59 Euro).

Greg Kasavin testete eine der ersten Verkaufskopien des neuen Lara-Croft-Spiels. Der Redakteur der Website GameSpot.com veröffentlichte am Montag einen Testbericht. Fazit: Das Spiel habe gravierende Mängel im Bereich der Steuerung und Kameraführung. Kasavin vergleicht Laras Beweglichkeit mit der eines „Beton-Lkws“. Dafür lobt er die Story, die Abwechslung im Spiel, den Soundtrack des London Symphony Orchestra und die beeindruckenden Schauplätze Paris und Prag. Von zehn möglichen vergab er 6,5 Wertungspunkte, während vergleichbare Titel wie „Splinter Cell“ oder „Silent Hill 3“ Wertungen oberhalb von neun Punkten erreichten. Das Fachmagazin „play The PlayStation“ veröffentlichte ebenfalls einen Testbericht und vergab eine Wertung von 86%. Ob die Meinung von Fachleuten allerdings Tomb-Raider-Fans interessiert, ist fraglich. Sie werden weiter Laras Geburtstag feiern: am 14. Februar – der Termin ist sicher.

Das Thema im Internet:

www.cubeit.com/ctimes/

www.lara-forever.de/

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