Zeitung Heute : Lasst doch die Kinder in Ruhe

GRIPS THEATER Regisseur Sönke Wörtmann erzählt in der Schulkomödie „Frau Müller muss weg“ vom harten Kampf um gute Noten.

PATRICK WILDERMANN

Wenn man Sönke Wortmann fragt, welchem Genre Lutz Hübners Stück „Frau Müller muss weg“ eigentlich zuzurechnen sei, muss er nicht lange überlegen. „Komödie“, sagt er. Und setzt hinzu, dass er es als Filmregisseur gewohnt sei, für die Vermarktung klare Kategorien zu benennen. Sicher habe Hübners Text auch farcehafte Züge, dramatische Seiten, und ernste Untertöne sowieso. „Die haben die besten Komödien ja immer“, findet Wortmann. Aber der Humor überwiegt. Obwohl die Schule genug Stoff für blanken Horror bietet.

Sönke Wortmann hat sich für das Gespräch auf der Probebühne niedergelassen, in einem Klassenzimmer. Das Bühnenbild weckt Erinnerungen an Pausenbrote und fliegende Papierkügelchen. „Frau Müller muss weg“ ist seine erste Theaterarbeit nach zehn Jahren, man merkt ihm die Lust darauf an. Endlich habe er ein Stück gefunden, sagt der Regisseur, bei dem er das Gefühl hatte: „Das kann ich, das will ich auch.“

Wenn Eltern zu viel wollen

Seit den 90-er Jahren zählt Wortmann zu den erfolgreichsten deutschen Filmemachern. Er hat Komödien-Hits wie „Der bewegte Mann“ oder „Das Superweib“ gedreht, hat fürs Kino das „Wunder von Bern“ wieder aufleben lassen und Jürgen Klinsmanns Nationalmannschaft in der Dokumentation „Deutschland. Ein Sommermärchen“ zum Beinahe-Triumph bei WM 2006 begleitet. Dem Theater allerdings ist er zwischenzeitlich abhanden gekommen, „ich war wohl zu oft enttäuscht von dem, was ich gesehen habe“, sagt er. Seine letzten eigenen Inszenierungen fanden am Düsseldorfer Schauspielhaus statt, Woody Allens „Bullets over Broadway“ und Martin McDonaghs „Der Krüppel von Inishmaan“. Als der neue Grips-Intendant Stefan Fischer-Fels ihn zu gewinnen versuchte – die beiden kennen sich aus Düsseldorf, wo Wortmann Fördermitglied des Jungen Schauspielhauses ist – wollte er zunächst nicht. Das änderte sich schlagartig nach der Lektüre von Lutz Hübners Stück.

„Frau Müller muss weg“, uraufgeführt 2010, beschreibt einen Elternabend, der aus dem Ruder läuft. Vorwiegend haben sich die Erzeuger der Problemfälle einer sechsten Klasse irgendwo in Berlin versammelt, um die Lehrerin für den Leistungsabfall ihrer Kinder zur Rechenschaft zu ziehen – das kommende Zeugnis entscheidet schließlich über die weitere Schullaufbahn. Entsprechend gereizt ist die Stimmung unter den Eltern, die sich gegen die vermeintliche Versager-Pädagogin verbündet haben. Wobei es dann nur einen Auftritt dieser Frau Müller braucht – „die einzige, die eine Haltung hat“, so Wortmann –, um die Solidargemeinschaft in einen Haufen wankelmütiger Egomanen zu verwandeln. Nur die Note zählt in diesem gnadenlosen Konkurrenzkampf ums Wohl der Kleinen. Und trotzdem weckt der glänzend gebaute Text Verständnis für jede der Figuren. Wer will sein Kind schon abgehängt sehen?

Keine Frage, das Thema Bildung ist hierzulande ideologisch aufgeladen bis zur Hysterie. Einfache Lösungen gibt es nicht, die suchen aber auch weder Hübner noch Wortmann: „Wenn ich einen Film drehe, hebe ich auch nie den moralischen Zeigefinger.“ Das Stück könne aber zum Nachdenken anregen: Kümmere ich mich zu wenig um die Bildung meiner Kinder? Oder gar zu viel? Wie der arbeitslose Wolf im Stück, der seine Tochter in der Freizeit mit Frühenglisch und Gehirnjogging triezt und sich anhören muss: „Such dir einen Job oder kauf dir einen Hund, aber lass das Kind in Ruhe.“ Einer von Wortmanns Lieblingssätzen.

Seine eigenen Kinder gehen in Düsseldorf zur Schule, eins aufs Gymnasium, die beiden jüngeren, Zwillinge, in die dritte Klasse. Sie seien schlau, das dürfe er sagen, lächelt Wortmann, und trotzdem müssten sie schon so viel Zeit auf die Hausaufgaben verwenden, dass daneben kaum Zeit bliebe. „Drei Mal die Woche Fußballtraining im Verein, wie bei mir früher – das geht heute gar nicht mehr“. Alles werde stressiger. Er selbst dagegen bewegt sich in einem Metier, in dem kaum jemand einen geradlinigen Lebenslauf vorzuweisen hat. Lauter Studienabbrecher und Quereinsteiger arbeiten im Filmgeschäft, auch Wortmann hat sein Soziologiestudium nach einem Semester schnell wieder beendet. „Wie will man mit 18, 19 auch wissen, was zu einem passt? Ich wusste es jedenfalls nicht“, sagt er achselzuckend.

Blick durchs Schlüsselloch

Wortmann, nun auch schon über 50, strahlt eine schöne Gelassenheit aus. Mit der begegnet er auch dem Theaterbetrieb, dessen Debatten über „well made plays“ ihn als Erfolgsfilmer nicht weiter berühren müssen. Freilich, die Zeiten, in denen sich Film und Bühne wechselseitig beargwöhnten und nur Theater als Hochkunst galt – worüber noch in Wortmanns Frühwerk „Kleine Haie“ gespottet wurde – sind längst passé. Seine jüngste Komödie „Das Hochzeitsvideo“, die im Sommer in die Kinos kommt, ist fast ausschließlich mit eher unbekannten Theaterschauspielern besetzt. Von denen er ebenso schwärmt wie von den Spielern des Grips-Theaters, mit denen er „Frau Müller“ probt.

Ist es eigentlich ein Stück nur für Erwachsene? Nein, entgegnet Wortmann, er könne sich vorstellen, dass auch 13-, 14-jährige so einen Elternabend ziemlich spannend fänden. Das sei für die schließlich „wie ein Blick durchs Schlüsselloch“.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 4.2., 19.30 Uhr

Auch 7., 24. und 25.2., 19.30 Uhr

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