Zeitung Heute : Lauernde Sinnlichkeit

Jan Vermeer van Delft und die Macht des Weines

Bernd Wolfgang Lindemann

In einem für Vermeers Bilder typischen Interieur, einem Raum mit bildparalleler Rückwand und geöffnetem Fenster an der linken Seitenwand, halten sich, sitzend beziehungsweise stehend an einem Tisch, eine junge Frau und ein Kavalier auf. Die Dame führt mit betont eleganter Handhabung ein Glas an die Lippen, während der Mann, mit der rechten Hand an dem parat stehenden Krug, darauf zu warten scheint, ihr erneut einzuschenken.

Das Ambiente ist vornehm, von Wohlstand zeugt die Einrichtung: Fliesenboden, Bild in Goldrahmen, der kostbare Teppich auf dem Tisch, das Fenster mit Glasmalerei. Die Ausrichtung der Gegenstände im Raum – lediglich der vordere der beiden Stühle steht ein wenig schräg – bildet Ordnung im wörtlichen wie übertragenen Sinne: Aufgeräumt in jeder Beziehung geht es in dieser holländischen Stube zu, weit entfernt sind wir von den Zuständen, wie sie uns in Bildern etwa eines Jan Steen begegnen, ganz zu schweigen von den bäuerlichen Unsitten, wie wir sie aus Bildern Adriaen van Ostades kennen.

Und doch liegt so etwas wie lauernde Sinnlichkeit in der Szenerie. Ganz harmlos ist die Situation nicht, die Jan Vermeer uns schildert. Der Herr hat seinen Hut aufbehalten und sich in einen weiten Mantel gehüllt, scheint also eher flüchtiger Besucher zu sein denn ein nach den Regeln bürgerlicher Ordnung Vertrauter der Dame. Er ist in ihr Reich eingedrungen, womöglich mit dem Vorsatz, sie durch den Genuss des Weines zu Weiterem zu verführen. In diesem Sinne darf auch das Instrument verstanden werden, das auf dem vorderen Stuhl abgelegt ist: Musik konnte verurteilt werden als hohler Zeitvertreib, als Ermunterung zu lockerem Lebenswandel.

Ambivalent also ist die Stimmung, und der Maler gefriert gewissermaßen jenen Moment im Geschehen ein, in dem die Situation für einen Augenblick noch in der Schwebe bleibt. Wird sich die junge Dame verführen lassen? Wird sie standhalten? Immerhin hält die Glasmalerei im Fenster einen bildlichen Ratschlag parat: Dargestellt ist dort, neben anderem, eine Hand, die einen Zügel hält. Für sie wie für die das Bild betrachtenden Zeitgenossen eine eindeutige Mahnung, das rechte Maß zu halten.

Jan Vermeer van Delft, erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt und seitdem gepriesen als größter unter den holländischen Genremalern, verstand es meisterhaft, durch Komposition wie Lichtführung seinen Bildern eine eigentümliche Atmosphäre zu verleihen.

Wie weit er sich dabei der damals neuen Technik der Camera obscura bediente, ist bis heute umstritten. Meister der Perspektive konnte er auch ohne dies Hilfsmittel sein; vielleicht aber schuldet die Farbigkeit seiner Bilder mit den oft wie sprühend gemalten Lichtpunkten Experimenten mit der Camera obscura Anregungen. In dem hier vorgestellten Bild zeigt er sich zudem beeindruckt durch Werke seines Zeitgenossen Pieter de Hooch, der ebenfalls das holländische Interieur ins Zentrum seines Oeuvres rückte.

Der Autor ist Direktor der Gemäldegalerie, der Skulpturensammlung und des Museums für Byzantinische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin

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