Zeitung Heute : Lauf ins Blaue

Die Leichtathleten rennen auf besonderen Bahnen

Friedhard Teuffel

Vielleicht wird der Engländer Wayne Rooney bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Torschützenkönig, weil er spielen kann wie ein Kugelblitz. Und vielleicht wird Sebastian Deisler der Liebling des Publikums, weil er den Ball mit so viel Gefühl behandelt. Doch der Held des Olympiastadions bleibt Jesse Owens. Bei den Olympischen Spielen 1936 gewann er vier Goldmedaillen. Es war ein Triumph – der farbige Amerikaner siegte im rassistischen Deutschland.

Das Olympiastadion ist jetzt zwar vor allem für den Fußball saniert worden, doch der erste Höhepunkt war der Leichtathletik-Wettbewerb der Olympischen Spiele 1936. Auch im sanierten Stadion soll die Leichtathletik eine große Rolle spielen. Am 12. September kehrt das Internationale Stadion-Fest Istaf zurück; in den vergangenen Jahren war es im Jahn-Sportpark ausgetragen worden. Das Istaf zählt zur Golden League, der prominentesten Serie von Leichtathletik-Meetings. Wenn die diesjährige Veranstaltung mit großem Zuschauerzuspruch und mängelfreier Organisation gelingt, würde sich Berlin für einen noch größeren Wettkampf empfehlen: die Leichtathletik-WM 2009. Sie wird im Dezember in Helsinki vergeben.

Gegenüber den anderen Bewerbern, vor allem Hauptkonkurrent Brüssel, besitzt das Olympiastadion eine Besonderheit: eine blaue Laufbahn. Ausgedacht hatte sich das Hertha BSC, um mit der Vereinsfarbe noch deutlicher zu machen, dass der Fußballklub Hausherr ist. Gegen die blaue Bahn hatte auch die Leichtathletik nichts einzuwenden. Der einzige Vorbehalt gegen das Blau war: Wasservögel könnten sich auf die Bahn stürzen. Doch der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Clemens Prokop sagt: „Wir haben alles geprüft und keine ernsthaften Bedenken.“ Als er mit den Entscheidungsträgern des Welt-Leichtathletik-Verbandes (IAAF) das Stadion im Modell betrachtet hat, bekam Prokop nur Zuspruch: „Alle Mitglieder des IAAF-Councils waren begeistert.“ Das Olympiastadion hat also auch für die Leichtathletik ein Markenzeichen geschaffen.

Der internationale Verband wird sicher zu schätzen wissen, dass die Berliner beim Umbau des Stadions überhaupt noch die Leichtathletik eingeplant haben. Von den zwölf Stadien für die Fußball-WM 2006 sind nur noch die Stadien Stuttgart und Nürnberg dazu geeignet, in geordneten Bahnen zu laufen.

Das Auftragen des Belags bereitete etwas Schwierigkeiten. Um das Gummigranulat auf die Bahn zu kleben, brauchte es trockene Tage, doch davon gab es zuletzt nicht viele. Die in drei Schichten aufgetragene Bahn ist wie eine sensible Haut. Wenn der Kleber feucht wird, schäumt er auf und es können sich Blasen bilden.

Doch darum machen sich die Architekten nun keine Sorgen mehr und auch nicht die Leichtathleten. Sie freuen sich auf die ausgezeichneten Bedingungen. „Wenn die IAAF den Athleten etwas Gutes tun will, gibt sie die WM 2009 nach Berlin“, sagt Christoph Kopp, der Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes. Denn die Athleten haben jetzt auch im Stadion die Möglichkeit, sich auf ihren Wettkampf vorzubereiten, in der unterirdischen Aufwärmhalle am Marathontor mit ihrer 120 Meter langen Laufbahn.

Der zeitlose Held des Olympiastadions erhält ebenfalls seinen Raum. Es gibt nun eine Jesse-Owens-Lounge auf der Haupttribüne.

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