Zeitung Heute : Lautlose Untermieter

In jedem Haus leben zahlreiche Krabbeltierchen und Insekten. Alle sind lästig – manche sogar gefährlich

Tobias Kuhlmann
327397_0_89dbdac6.jpg
Nachtgestalten. Spinnen gehören zwar nicht zu den Insekten, aber zum großen Stamm der Arthropoda. In Kellern und Wohnungen sind...Photononstop

Insekten sind die heimlichen Herrscher dieser Welt. Mit rund 1 Million beschriebenen Arten sind sie die individuenreichste Tiergruppe überhaupt. Zoologen schätzen die Gesamtzahl aller Individuen des Stammes der Arthropoda – also aller Spinnentiere, Krebse, Insekten und Tausendfüßer – auf 1 Quintillion. Bei rund 6,9 Milliarden Menschen kommen demnach fast 145 Millionen Arthropoden auf einen menschlichen Erdenbewohner.

Die meisten Insekten in Haus und Garten bemerken wir also gar nicht – und im Verborgenen verrichten einige sogar Nützliches. In Keller oder Garage trifft man diverse Spinnen und Kellerasseln. Sie gehören zwar nicht zu den Insekten, aber zum Stamm der Arthropoda. Landasseln stellen dabei eine kleine Besonderheit dar, denn sie sind die einzigen Krebstiere, die ihren gesamten Entwicklungszyklus auf dem Trockenen vollziehen.

Wer freilaufende Haustiere hat, wird sich in der Wohnung manchmal mit Flöhen und Zecken herumärgern. Der häufigste Floh ist dabei der Katzenfloh, der auch Hunde und Menschen befällt. Zecken, die zu den Spinnentieren gehören, können Krankheiten wie Lyme-Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Hirnhautentzündung, übertragen. Allerdings gibt es inzwischen zahlreiche Mittel, die die Tierchen fernhalten. Ebenfalls ein lästiges Problem sind Kopfläuse, die oft aus Schule oder Kita eingeschleppt werden. Kleider- und Filzläuse sind dagegen selten geworden.

Nur etwa 1,5 Millimeter groß werden Staubläuse. Die Tiere leben meist hinter losen Tapeten, ernähren sich unter anderem von Schimmelpilzen und sind daher Indiz für ein ernsthaftes Problem: Feuchtigkeit und Schimmelbildung. Mit Insektiziden wird man sie zwar los, sinnvoller ist aber die Trockenlegung der Mauern, schon der eigenen Gesundheit zuliebe.

Ein arger Feind der Staubläuse ist der Bücherskorpion, der zu den Spinnentieren gehört. Für Menschen ist das drei bis vier Millimeter große Tier harmlos – für Staubläuse, Springschwänze und diverse Milben dagegen hochgefährlich. Im Haus lebt es zum Beispiel hinter losen Tapeten oder in alten Akten und Büchern.

Vor allem in der wärmeren Jahreszeit kommen von draußen verschiedene Fliegenarten in die Wohnung, etwa Stuben-, Schmeiß- oder Aasfliegen. Allen gemeinsam ist, das sie ihre Eier unter anderem auf Nahrungsmitteln ablegen und diverse Krankheitserreger verbreiten können. Eine weitere Art ist die Essigfliege oder Drosophila, die im Sommer gerne unsere Obstkörbe heimsucht. Dabei frisst sie nicht nur am Obst, sondern legt darauf auch ihre Eier ab. Somit ist stark anzunehmen, dass auch noch so strikte Vegetarier, zumindest im Sommer, regelmäßig Fleisch verzehren.

Häufige Gäste im Haus sind Spinnen, etwa die bis zu 1,8 Zentimeter große Hauswinkelspinne. Sie fällt, wenn überhaupt, nur dadurch auf, dass sie an glatten Oberflächen keinen Halt findet und sich nicht selbstständig aus Waschbecken oder Badewannen befreien kann. Einer ihrer größten Feinde ist die ebenfalls weit verbreitete, viel zartere und kleinere Zitterspinne – so benannt, weil sie ihr Netz in Schwingungen versetzt, wenn sie sich entdeckt fühlt, und dadurch für den Betrachter praktisch unsichtbar wird.

Auch Käfer kommen in Wohnungen vor, etwa Messing-, Speck-, Pelz- oder Kugelkäfer. Sie alle ernähren sich von den unterschiedlichsten organischen Stoffen wie Federn, Pelzen, Knochen, Papier oder toten Insekten – aber auch von Textilien, an denen sie beträchtliche Schäden anrichten können. Auch unter den Vorratsschädlingen gibt es viele Käfer, zum Beispiel Brot-, Khapra-, Mehl- oder Kornkäfer. Ebenfalls ernst zu nehmen sind diverse Schabenarten, etwa die deutsche oder die orientalische Schabe. Allen gemein ist, dass sie Lebensmittel verunreinigen und durch die Übertragung von Krankheitserregern auch für den Menschen gefährlich werden können.

Die allgegenwärtigen Hausstaubmilben kennt wohl jeder. Tägliches Lüften des Bettzeugs kann die Belastung aber schon erheblich verringern. Ebenfalls im Schlafzimmer können Bettwanzen auftreten. Sie verstecken sich tagsüber in Spalten und Ritzen und kommen nachts zum Blutsaugen hervor. Die Tierchen treten in letzter Zeit weltweit wieder öfter auf, was vielleicht auf den globalen Handel mit Gebrauchtwaren und schnellere Transportwege zurückzuführen ist.

Vor allem in Privathaushalten lassen es sich diverse Mottenarten wie Kleider-, Mehl- oder Dörrobstmotte gut gehen. Schnell eingeschleppt, wird man sie leider schwer wieder los. Dabei sind es nicht die erwachsenen Tiere, die den Schaden verursachen, sondern deren Larven. Sie fressen sich durch verschiedenste Lebensmittel oder Textilien – bis sie sich verpuppen und der Kreislauf von vorne beginnt. Um die ungebetenen Gäste wieder los zu werden, können Pheromonfallen helfen, mit denen man allerdings nur die erwachsenen Falter ködert. Bei einer größeren Mottenplage können auch Schlupfwespen eingesetzt werden, die ihr eigenes Ei in die Eier oder Larven der Motten legen und diese abtöten. Gibt es keine Motten mehr, ziehen die Schlupfwespen ab oder sterben.

Tatsächlich sind die meisten Löcher, die der Kleidermotte zugeschrieben werden, allerdings das Werk des Wollkrautblütenkäfers oder vielmehr seiner Larven. Die erwachsenen Käfer fliegen meist von draußen herein und legen ihre Eier auf Textilien ab. Ob sich Motten- oder Käferlarven an der Lieblingsbluse vergriffen haben, erkennt man an den feinen Fäden, die sich auf den angefressenen Textilien befinden – und auf die gesponnenen Röhren hindeuten, in denen Motten-Raupen leben.

Im Badezimmer leben häufig Silberfischchen, die sich bei Wärme und hoher Luftfeuchtigkeit wohlfühlen. Sie ernähren sich größtenteils von Kohlenhydraten wie Zucker oder Stärke, aber auch von Schimmelpilzen. Die Tiere an sich sind völlig harmlos. Extremer Befall kann aber auf ein Problem mit Feuchtigkeit oder Schimmel hindeuten.

Während die meisten dieser ungebetenen Gäste unsere Wohnungen schätzen, sind Taubenzecken vor allem auf Dachböden zu finden. Wie der Name schon sagt, ernähren sie sich vor allem von Vogelblut und nisten sich dort ein, wo Vögel regelmäßig verkehren. Auch Wespen und Hornissen können auf Dachböden ihr Nest bauen und lästig werden. Der gefährlichste Bauholzschädling in unseren Breiten ist der Hausbockkäfer, dessen Larven Nadelhölzer besiedeln und durch ihre Gefräßigkeit die Holzkonstruktion erheblich schädigen können. Hier helfen nur eine sorgfältige Holzauswahl und Schutz durch Lasuren.

Der Autor ist Diplom-Biologe, arbeitet in der Biosphäre Potsdam und veranstaltet dort Vorträge und Führungen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben