Zeitung Heute : Le Jardin

Speisen wie die Fußballweltmeister

Elisabeth Binder

Le Jardin, Schlosshotel im Grunewald, Brahmsstraße 10, Tel. 89 58 40, geöffnet täglich von 12 bis 14, dienstags und mittwochs auch von 18.30 bis 22.30 Uhr. Foto: Doris Klaas

Die verschnörkelten Wohnzimmerleuchter bilden einen pikanten Kontrast zu dem hellen Wintergartenmobiliar im ansonsten eher nüchtern gestalteten Restaurant „Le Jardin“ im Schlosshotel im Grunewald. Aber das passt wahrscheinlich ganz gut zu dem während der Weltmeisterschaft zu erwartenden Wechselspiel aus weihevollen Szenarien und spannenden Matches. Wer hier draußen noch mal essen will, sollte das beizeiten tun, denn wenn erst die Nationalmannschaft eingezogen ist, werden Kreisligaspieler wohl kaum Chancen haben, einen Platz zu reservieren. Das informellere Wintergarten-Restaurant steht seit einiger Zeit unter der Leitung von Jörg Behrend, der auch das vornehmere Gourmetrestaurant „Vivaldi“ unmittelbar nebenan bekocht.

Vorweg gibt es kühlen Sekt und köstliches dunkles Anis-Brot mit gesalzener Butter. Danach ein Amuse Gueule aus Karotten-Lauch-Quiche und mit Frischkäse und Fischmousse gefüllte Blätterteigförmchen. Schönes, klassisches Porzellan, dezenter Tisch-Schmuck und effizienter Service schaffen eine angenehm entspannende Atmosphäre. Die Weinkarte enthält noch zu viele Flaschen im dreistelligen Bereich. Der Sommelier ist allerdings spezialisiert darauf, neue Hits zu entdecken, solange sie noch preisgünstig sind. Wir entschieden uns für einen 2001er Spätburgunder von Bercher für vergleichsweise gnädige 35 Euro.

Das Schaumsüppchen vom Hokaido-Kürbis hatte eine schöne Farbe und überhaupt etwas sehr einnehmend Knusprig-Fruchtiges. Das war wohl den karamellisierten Apfelscheiben und den gerösteten Kürbiskernen zu danken (neun Euro). Dass Weinbergschnecken auch ohne Knoblauchbutter hinreißend gut schmecken können, bewies die Zubereitung mit Riesling und Café de Paris-Butter. Gratiniert ruhten sie wunderbar auf einem verführerisch charaktervollen Tomatenragout. Oben drauf schwebte eine schwarz-weiß marmorierte Blätterteigstange (16 Euro).

Auch bei den Hauptgerichten setzte der gute Eindruck sich fort. Die zarte geschmorte Kalbsbacke schmiegte sich tief in Pommeroljus, dazu gab es knackig gegarte Scheiben vom Stangensellerie und ein schneeweißes, fast wolkiges Püree vom Knollensellerie, außerdem glasierte Perlzwiebeln (26 Euro). Vorbildlich weißzart war auch das Filet vom Havelzander mit knusprig gebratener Haut in einer glücklicherweise gar nicht so speckig schmeckenden Specksauce mit Liebstöckel und einem Ragout aus Kartoffeln und winzigen schwarzen Linsen (24 Euro).

Zur satt gesogenen, halbierten Portweinfeige gab es den leichtesten Schaum seit der Erfindung der Vollmilchschokolade und, als etwas harten Kontrast dazu, Stracciatellaeis (zwölf Euro). Ein Glanzlicht war das Kompott vom Werderaner Apfel schon in seiner Konsistenz, die von winzigen, genau richtig süß gebräunten Apfelwürfeln bestimmt war. Sehr schön kombiniert war diese Komposition mit Sauerrahmeis (neun Euro).

Sicher trägt auch die Omnipräsenz der rührigen Hotelchefin Uta Felgner dazu bei, dass sich die Mannschaft so ins Zeug legt. Das von Karl Lagerfeld gestaltete Haus hat in den letzten Jahren so oft den Besitzer gewechselt, dass es darüber fast aus dem Blickfeld geraten ist. Die im Juni erwarteten Gäste sind, wenn sie nicht gerade beim ersten Spiel ausscheiden, sicher perfekte Sympathieträger, um es wieder in den Köpfen zu verankern.

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