Zeitung Heute : Lea & Tabea

Zwei Mädchen sind am Kopf zusammengewachsen. Die Eltern entscheiden sich für eine operative Trennung – Tabea stirbt. Der Arzt George Jallo erzählt, wie er die Zeit mit der Familie erlebt hat.

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„Wenn ich an diese paar Tage im September zurückdenke, mit Lea und Tabea, dann fällt mir auf, wie lange sie gedauert haben. Wie lange es gedauert hat, bis ich mich davon befreit hatte. Bis ich wieder voll bei mir war. Die erste Operation war am 11. September, die zweite am 15. September. Und ich glaube, es war so Mitte Oktober, dass ich eines Morgen aufgewacht bin und dachte: So, jetzt bist du wieder klar. Ich hatte die ganze Zeit darüber nachdenken müssen, wie glücklich ich dran bin. Dass wir alle sehr glücklich dran sind, wenn wir so etwas nicht erleiden müssen.

Ich bin Neurochirurg am Kinderzentrum. Ich operiere viele Kinder mit Tumoren im Gehirn. Ich bin im Beruf sonst nicht gefühlsbetont. Aber es wurde gleich vom ersten Treffen mit den Eltern im Mai bis zu Tabeas Tod eine emotionale Achterbahnfahrt für mich. Staunen, Aufregung, Angst, Trauer, Freude, wieder Trauer…

Als ich Lea und Tabea zum ersten Mal gesehen habe, lagen sie im Arm ihrer Mutter. Ich schaute sie an und dachte: Sie sind hübsch! Wenn man eine von ihnen verdeckte, dann hätte man nicht gemerkt, dass mit der anderen etwas nicht stimmt. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Nur auf Bildern. Aber das ist vollkommen anders. Bei einem solchen Anblick kann man nicht gleich als Arzt reagieren, nicht fachlich, will ich sagen. Ich dachte: Sie werden nie gehen, tanzen. Sie werden ein Leben lang auf die Hilfe anderer angewiesen bleiben. Sie werden die Welt nur aus dieser Perspektive sehen. Sie werden sich nicht einmal ansehen können!

Ja, ich konnte Peter und Nelly verstehen. Ich respektiere die persönlichen Überzeugungen von Menschen. Ich weiß, dass es viel Kritik gegeben hat, dass man sie bigott genannt hat. Die sind gläubig und treiben nicht ab – aber dann wollen sie Gottes Willen doch ändern und lassen ihre Kinder operieren …

Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen; bei so einem Fall überlegt man ja immer, wie man selbst reagieren würde. Wir haben noch keine Kinder, aber wir denken, wir hätten dasselbe getan wie Peter und Nelly.

Die Vorbereitungen waren eine Tour de force. Wir haben alle trainiert. Wir hatten 3-D-Computer-Modelle vom Kopf der beiden, in zwei Größen. Zwei Mal in der Woche haben wir daran geübt: den Ablauf festgelegt und die schwierigen Stellen bestimmt. Wir haben geübt, wie der Spezialtisch im OP bedient wird. Er lässt sich in der Längsachse kippen, so dass wir an den Hinterköpfen der Babys arbeiten konnten. Wir haben auch geübt, wie er auseinander gezogen wird, damit wir schnell weitermachen konnten, wenn die Mädchen getrennt waren. Überall wurden Videokameras und Bildschirme aufgebaut, nicht nur im Operationssaal, auch oben, im Pausenzimmer, damit die, die sich ausruhen, von dort aus zusehen konnten. Es wurden Schichten eingeteilt. Wir gingen ja davon aus, dass die Operation bis zu 24 Stunden oder auch drei Tage dauern konnte.

Ich habe in dieser Zeit einige andere Operationen abgegeben und ein wenig meditiert. Ich war wohl recht still. Hat zumindest meine Frau gesagt.

Ich denke immer noch: Es lief doch alles gut! Es gab keine Schwierigkeiten. Auf Fotos von der Operation sieht es aus wie Gedrängel, aber es war wie ein Orchester. Sehr koordiniert. Im Hintergrund spielte leise klassische Musik, glaube ich, das ist eine verschwommene Erinnerung, und wir waren dem Zeitplan lange sogar etwas voraus. Drei Chirurgen haben an jedem der Mädchen gearbeitet; ich war die ganze Zeit dabei. Ich habe die Kopfknochen geöffnet, Venen getrennt – die Zwillinge haben sich viele Blutgefäße geteilt – und die Gehirne auseinander gezogen; sie hatten sich ineinander gequetscht.

Ich habe an Tabea gearbeitet.

Die Probleme kamen so unerwartet. Es hat mir richtig Angst gemacht, als Tabeas Herz das erste Mal aufgehört hat zu schlagen. Das war bei der Operation am 11. September. Wir haben unterbrochen, damit sie sich erholen konnte.

Die zweite Operation lief dann zunächst auch gut. Wirklich gut. Die Arbeit war schon zu 99 Prozent getan, wir waren am Hinterkopf beschäftigt und hatten die Babys gedreht, da gab es noch einmal sehr viele gemeinsame Blutgefäße, sehr kritisch. Aber dann geschah es nicht dort. Es war das Herz, das dann versagt hat. Ihr Herz lag nicht in meinen Händen, das war etwas, das ich nicht kontrollieren konnte. Man sollte meinen, ich wäre daran gewöhnt, bei den vielen Operationen, die ich jede Woche mache. Aber ich kann nicht alles kontrollieren. Daran habe ich mich nie gewöhnt.

Tabeas Herz setzte also wieder aus, die Anästhesisten kamen vor zum Tisch, ich musste zurücktreten, und sie haben versucht, Tabea zu retten. Und ich stand da und sah zu …

Ich müsste lügen, wenn ich nicht manchmal wünschen würde, ich hätte an Lea gearbeitet. Am lebendigen Baby, nicht am toten …

Ein paar von uns blieben noch stundenlang im Krankenhaus und haben versucht, sich gegenseitig zu trösten.

Ich denke, diese Operation war die wichtigste Sache, die ich als Arzt bisher gemacht habe. Weil sie mich so sehr berührt hat. Lea und Tabea waren wirklich ein Sonderfall in meinem Leben. Normalerweise sehe ich Patienten vor der Operation einmal und danach vielleicht noch einmal. Aber an Lea und Tabea denke ich wie an Freunde. Immer noch, jeden Tag.

Ich bewundere Peter und Nelly. Sie haben Tabeas Tod akzeptiert, das ist wirkliche Stärke. Sie haben mir etwas abgegeben von dieser Stärke. Aber manchmal träume ich noch von den beiden Mädchen. Sie sind dann getrennt. Tabea ist ein bisschen verschwommen, aber sie lebt, Lea ist deutlicher zu sehen …

Ich habe die E-Mail-Adressen ihrer deutschen Ärzte. Ich werde nachfragen, wie es ihr geht, wie sie weiterkommt.“

Protokoll: Christine-Felice RöhrsDas kommt einmal unter zweieinhalb Millionen Geburten vor. Die Ärzte schicken nun Ultraschallbilder an einen der weltweit erfahrensten Chirurgen: Benjamin Carson vom Johns Hopkins Klinikum in Baltimore, USA.

Am 9. August 2003 kommen Lea und Tabea per Kaiserschnitt zur Welt, sie sind 98 Zentimeter lang, 4300 Gramm schwer und brüllen gleichzeitig los. Lea ist die Lebhafte, Tabea die Ruhige. Im April 2004 entscheidet eine Mindener Krankenkasse , die Kosten für die Trennungs-OP zu übernehmen, mindestens 700 000 Dollar soll sie kosten. Am 30. Mai 2004 geht die Reise los.

Die Chancen stehen eigentlich gut, sagen die Ärzte vor der Operation. Tabea wird nur ein Jahr, einen Monat und sieben Tage alt. Lea überlebt.

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