Zeitung Heute : Leb wohl und bleibe

Eine Ausstellung über das rätselhafteste Geschwisterpaar Fanny Hensel und Felix MendelssohnIm Tod hat das romantische Paar sich gefunden.Im Leben mußten seine Wege auseinander gehen, ohne daß beide ganz loslassen konnten: zwei Königskinder, die sich so liebhatten, wie es das alte Lied erzählt, doch einander zu nahe, um beisammen zu sein.Als er sich erstmals von ihr trennt, wird die 16jährige krank: "Du fehlst einem früh und spät! ...Vergiß nicht, daß Du meine rechte Hand und mein Augapfel dazu bist, daß es also ohne dich auf keine Art in der Musik rutschen will ...Deine treuste, hustendste Fanny." Als sie sich verlobt, schwebt ihr ein Dreier vor: der Bräutigam muß, ob er will oder nicht, den "anderen" akzeptieren.Der ist schon berühmt und viel beschäftigt; ihre Anhänglichkeit nervt, gleichwohl erträgt er es nicht, daß sie öffentlich eigene künstlerische Wege geht.Als sie heiratet, wird er durch einen Sturz von der Kutsche am Kommen, als er heiratet, wird sie durch Mißtöne zwischen den Familien am Kommen gehindert.Auf ihre Todesnachricht hin fällt er in Ohnmacht, dann in Depression, schreibt die einzige tiefverzweifelte Komposition seines Lebens.Und am Tag ihrer Beerdigung, der er fernbleibt, einen Brief: "Ach, wären wir nicht getrennt gewesen! So bittre Reue empfind ich darüber." Eine Text-Vertonung ist sein letztes Werk: "Ohn End werd ich leiden, seit du von mir und ich von dir - o Liebste, mußte scheiden." Knapp sechs Monate nach dem Tod Fanny Hensels am 14.Mai 1847 stirbt auch Felix Mendelssohn Bartholdy, wie seine Schwester am Schlaganfall. "Das verborgene Band" heißt eine Ausstellung über das rätselhafteste Geschwisterpaar des 19.Jahrhunderts, die heute abend in der Berliner Staatsbibliothek eröffnet wird.Das erste ernstzunehmende Unternehmen seiner Art belegt mit 220 Archiv-Schätzen - Noten, Autographen, Widmungen, Zeichnungen, Gemälden, Briefen - vor allem den künstlerischen Kommunikationsfluß zwischen den einander so sehr zugeneigten Konkurrenten.Das Material, "die gesicherte Basis für künftige Interpretationen", wird vorsichtig kommentiert.Darüber hinaus, so Hans Günther Klein von der Musikabteilung der Bibliothek, lasse sich "noch nichts Verbindliches" über diese Geschwisterliebe behaupten, wiewohl die Geschichte zu dramatischen Deutungen verführe, nach psychoanalytischer Betrachtung geradezu schreie.Erst eine Brief-Gesamtausgabe, durch Breitkopf & Härtel mit dem ersten Band der mehr als 5000 Stücke umfassenden Korrespondenz von Felix zu dessen 150.Todestag (4.11.) vorgesehen, könnte weitere Analysen legitimieren.Auch die feministische Frage wird in der Schau ignoriert: Beweist das Werk der Frau im Schatten ihres Bruders eine weibliche Ästhetik, weil "nur eine Frau so" komponiert? Fannys Musik sei nicht an der des Bruders zu messen, sagt Klein, sie habe komponiert, "wie niemand sonst".Einer weiteren Kategorisierung widerspricht der Leiter des Mendelssohn-Archivs noch schärfer: Es sei "völlig falsch", die protestantisch erzogenen Kinder von Abraham Mendelssohn Bartholdy und seiner Frau Lea, geborene Salomon, als "jüdische Komponisten" zu bezeichnen. Spät entdeckt worden ist Fanny Hensel, deren Werk, da unbekannt, im Gegensatz zu dem ihres Bruders von der NS-Zensur nicht ausgegrenzt werden brauchte, im Zuge der jüngsten, retrospektiven Komponistinnen-Emanzipation.Antje Oliver, Autorin der eben erschienenen Biographie "Mendelssohns Schwester", skizziert anhand zahlreicher Dokumente den Prozeß geschlechtlicher Programmierung: Daß Felix ihr öffentliches Auftreten und eine Edition ihrer Kompositionen zu verhindern suchte wird so deutlich wie der hohe Leistungsanspruch seiner Schwester, verbunden mit künstlerischen Selbstzweifeln und eingefleischter Verzichtshaltung."Ein Dilettant ist schon ein schreckliches Geschöpf, ein weiblicher Autor ein noch schrecklicheres ..." lautet, Fannys Worte zitierend, die Überschrift eines Beitrages der Berliner Mendelssohn Studien, die ihren zehnten Band, für November angekündigt, dem Geschwisterduo widmen. 250 Lieder, 80 Klavierstücke, 4 Kantaten, 3 Kammermusiken, nicht nur das Klaviertrio (1847) ein Meisterwerk: Fanny bleibt unsicher.Ehemann Wilhelm macht es ihr zwar "zur Pflicht, gleich nach dem Frühstück ans Clavier zu gehen", er drängt sie zur Publikation.Sie selbst thematisiert den "Frauenzimmerpferdefuß" in ihrem Oevre, seufzt "daß der Brautstand meiner Musik nicht geschadet hat", gibt beim Streitpunkt "Veröffentlichung" Gleichgültigkeit vor.Sie kontrolliert sich: "Daß man seine elende Weibsnatur auf jedem Schritt seines Lebens von den Herren dere Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wuth und somit um die Weiblichkeit bringen könnte." Vergleicht sich: "Ich habe nachgedacht, wie ich eigentlich gar nicht excentrische oder hypersentimentale Person zu der weichlichen Schreibart komme? Ich glaube, es kommt daher, daß wir gerade mit Beethovens letzter Zeit jung waren...Du hast das durchlebt und durchgeschrieben, ich bin drin stecken geblieben, aber ohne Kraft, durch die Weichheit allein bestehen kann und soll." Es wirft ein interessantes Licht auf die Rollensuche der Fanny Hensel, daß sie zu maskulinen Kosenamen inspiriert: "Fenchel" schreibt Felix, "Fanus" der Ehemann.Ein Jahr vor dem Tod gesteht sie: "Ich habe zu 40 Jahren eine Furcht vor meinen Brüdern, wie ich sie zu 14 Jahren vor meinem Vater gehabt habe ...Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der Wunsch, Euch und Allen, die ich liebe, es in meinem ganzen Leben recht zu machen." "Treu und gehorsam bis in den Tod" hieß das Lebensmotto, der Konfirmandin vom Vater mitgegeben; an die 23jährige schreibt er: "Du musst Dich ernster zu Deinem eigentlichen, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden" Abraham, mit 45 zugunsten der Kindererziehung aus dem Bankgeschäft ausgestiegen, steht als Sohn des Bildungs-Emanzipators Moses Mendelssohn in der deutsch-jüdischen Geschichte für die zweite Generation.Moses verließ das Ghetto, vermittelte zwischen seiner Überlieferung und der deutschen Kultur, wurde - noch ohne Bürgerrecht - ein Partner für die Intellektuellen seiner Zeit.Fanny und Felix sind dritte Generation: er wird nicht mehr beschnitten; die spätere Taufe wird den frömmsten Verwandten zwar zunächst verschwiegen, doch scheinen beide im Neuen aufzugehen.Risse zwischen Gestern und Heute treten auf, wenn Fanny bei der Großmutter Pardon für den enterbten, konvertierten Onkel erbittet, aber auch, als die Kinder 1819, bei antisemitischen Ausschreitungen, von einem preußischen Prinzen angepöbelt werden, worauf man die Emigration erwägt.Daß die Leitung der Berliner Singakademie Felix aufgrund seiner Ahnen versagt bleibt, tut so weh wie die Publikation eines Briefwechsels, in dem der ehemalige Musiklehrer Zelter vor dem großen Goethe seine jüdischen Schüler verspottet.Verdrängungen? Fanny möchte, wie selbstverständlich, "überhaupt nichts anders sein als eine Deutsche".Abraham dagegen, zwischen dem Aufbruch zur Integration und der Ankunft in der Assimilation, steht unter Legitimationsdruck: seine heimliche Taufe geht noch später vonstatten.Als Felix den christianisierenden Namen Bartholdy mißachtet, reagiert er wütend: "Einen christlichen Mendelssohn giebt es so wenig als einen jüdischen Confucius.Heißt du Mendelssohn, so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist." Gleichwohl werden Fanny und Felix aus der Verklärungs-Perspektive, mit der im heutigen Berlin Integration und Assimilation zur Symbiose verwischt werden, Vorzeige-Juden par excellence.Auch Fannys Sohn Sebastian, dessen zweibändiger Memoiren-Klassiker "Die Familie Mendelssohn" derzeit bei Insel ein Reprint erfährt, hat mit idealisierender Clan-PR zur Verwischung der Traditions-Stränge beigetragen; für ihn war, andersrum, das ehrenwerte jüdische Kapitel abgeschlossen.Felix, der europaweit umworbene Genius, und Fanny, die dem biedermeierlichen Berlin im Gartensaal an der Leipziger Str.3 mit ihren Sonntagsmusiken den strahlendsten Salon schenkte: zwei Lichtgestalten, deren innere Unruhe sich bei ihm in "ewiger Hetze", kräftezehrendem Raubbau, nervösen Flirtabenteuern gezeigt haben mag, während sie bei ihr in melancholischer Rastlosigkeit der Musik einen Ausdruck fand.Ohne den Assimilations-Streß der dritten Generation, ohne die daraus resultierenden fanatisch engen Familienbande läßt sich das "verborgene Band" kaum verstehen: "die Kindheit und die Musik" nennt es Hans Günter Klein. Geschwisterliebe: Zwischenraum der Vergangenheit."Nun leb wohl, bleibe der Alte, hier findest du Alles beim Alten, auch das Neue," schreibt Fanny am 3.10.1829, ihrem Hochzeitstag."Für alle Deutschen war 1847 ein Kapitel aus und die Überschrift des nächsten lautet: Politik," beschließt 51 Jahre später ihr Sohn die Familien-Saga."Wir besitzen ein einiges ...Vaterland, wir haben das Höchste errungen, was dem Menschen auf Erden beschieden sein kann, wir haben in einer großen Zeit gelebt." Doch blicke die Familie wehmütig "auf die ewig verschlossenen Pforten des Paradieses ihrer Jugend" zurück.Der Gartensaal Leipziger Str.3 ist 1880 längst abgerissen, an seiner Stelle steht der Sitzungssaal des Preußischen Herrenhauses; Fannys Zimmer, in denen der desolate Felix fast noch einmal zusammengebrochen war, blieben bis zum Verkauf des Anwesens an den Preußischen Staat unberührt.

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