Zeitung Heute : Leben im digitalen Jenseits

MATTHIAS GROLL

Die gesammelten Interviews des Philosophen Vilem Flusser aus den Jahren 1967 bis 1991VON MATTHIAS GROLL

Was immer sich aufzeichnen läßt, wird an Computer verfüttert, um im binären Code bildhaft, hörbar oder lesbar zu werden.Alles wird als Bit-Paket beliebig bearbeitbar.Während die in den Genen gespeicherten Informationen zufällig mutieren, lassen sich digitale Informationen in den "Retorten" der Computer gezielt verändern.Künstliche Kreaturen entstehen.Sie nehmen auf den Bildschirmen der Rechner Gestalt an.Die Mutanten der "digitalen Evolution" beeinflussen auch den Menschen: Computer simulieren das menschliche Zentralnervensystem.Multimedial spielen die künstlichen Schöpfungen auf der Tastatur der Sinne und programmieren die Wahrnehmung. "Der Computer baut das Menschengehirn um", war denn auch eine zentrale Botschaft des vor fünf Jahren verstorbenen Philosophen Vilem Flusser.Ihm erschien diese Apparatisierung der Sinne keineswegs bedrohlich.Ganz im Gegenteil: In den nun als Band IX der "Edition Flusser" erschienenen "Zwiegesprächen", den zwischen 1967 und 1991 geführten Interviews Flussers, wird deutlich, daß er schon vor dreißig Jahren dazu aufforderte, das Datenverarbeitungswesen Mensch müsse die Verarbeitungsweise der Apparate adaptieren.Denn die virtuellen Erscheinungen seien anders zu "entziffern" als traditionelle Bilder.Punkt für Punkt seien die Bildschirme informiert, bit by bit.Und wer wissen wolle, was eine Erscheinung bedeute, müsse bis in die algorithmische "Seinsweise" vordringen.Den Analphabetismus des Digitalen zu überwinden, müßten wir die Sprachen, die hinter den Erscheinungen stehen, erlernen: wir müßten rechnen lernen, die Wahrnehmung mathematisieren.Die von Algorithmen geleitete Wahrnehmung erfordere ein "szenisches Denken", wollten die multimedialen Collagen durchschaut werden.Flusser selbst dachte szenisch und videoclipartig genug, den Wandel der Wahrnehmung vorexerzieren zu können.Die zweiundzwanzig, mit Witz, Weitblick und Schlagfertigkeit gewürzten Gespräche sind ein Rundumschlag in ein Weltbild, das den vertrauten Boden unter den Füßen verliert. Allzu begeistert schwärmte der in Prag geborene, 1939 als Sohn jüdischer Eltern vor den Nazis geflohene und nach Brasilien emigrierte Flusser vom "Leben im virtuellen Raum".Er erlebte das digitale "Jenseits" totaler Kommunikation im gedanklichen Selbstversuch schon einmal im voraus.Sein Denken kommentierte den Wandel einer zusehens eintretenden "Synergie", dem "Verschmelzen von Mensch und Apparat".Die damit verbundene Abhängigkeit freilich übersah er keineswegs: "Ohne den Menschen ist der Computer nichts, ohne den Computer aber der Mensch nichts mehr sein wird".Vilem Flusser: Zwiegespräche.Interviews 1967-1991.European Photography.Band IX der Edition Flusser.255 Seiten.Hardcover mit Schutzumschlag 54 Mark.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar