Zeitung Heute : Leben in Gefahr

Die beiden deutschen Geiseln im Irak bekommen womöglich den Hass auf die US-Truppen zu spüren

Erwin Decker[Kirkuk],Frank Jansen

Im Irak wurden zwei Deutsche entführt. Wo sind Parallelen, wo Unterschiede zur Entführung von Susanne Osthoff erkennbar?


Der Mann sprach arabisch und meldete sich am Dienstag wenige Stunden nach der Entführung telefonisch. Die Sekretärin in der deutschen Botschaft in Bagdad hatte Mühe, ihn zu verstehen. Seine Mitteilung war kurz: Zwei Deutsche seien in Baidschi als Geiseln genommen worden. Forderungen stellte der Mann nicht. Dennoch war das Telefonat womöglich ein Versuch der Entführer von Thomas Nitzschke und René Bräunlich, mit der Bundesregierung Kontakt aufzunehmen. Das wäre leichtsinnig – Telefonate kann man zurückverfolgen.

Wie auch immer das Telefongespräch zu werten ist – in diesem Geiseldrama zeichnet sich offenbar eine noch prekärere Lage ab als im Fall der im November entführten Susanne Osthoff. Die Archäologin sei mit ihren Ausgrabungen nur in geringem Maße eine Reizfigur für die irakische Terrorszene gewesen, sagte ein CIA- Mann nahe Kirkuk dem Tagesspiegel. Er skizziert das mögliche Motiv der Entführer von Nitzschke und Bräunlich: Die Ingenieure aus Sachsen hätten für die verhasste irakische Regierung und somit auch für den Hauptfeind des Widerstands gearbeitet – die US-Truppen. Hilfe beim Wiederaufbau der Ölraffinerie von Baidschi gelte als Kollaboration mit dem Feind.

Der CIA-Agent vermutet Gefolgsleute von Saddam Hussein hinter der Entführung in Baidschi. „Das sind absolute Hardcore-Figuren“, sagt er. An eine Beteiligung des als besonders brutal geltenden Al-Qaida-Statthalters im Irak, Abu Mussab al Sarkawi, glaubt der CIA- Mann dagegen nicht. Die Männer, die er für die Entführer hält, ordnet er dem Qaysi-Stamm zu, der in Baidschi dominiert. Stammeschef ist Scheich Ghaeb, der fünf Monate in dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib gesessen hat. Seitdem kennt der Hass des Scheichs auf die US-Besatzer keine Grenzen. Und der CIA-Mann spricht von einer Äußerung, die Scheich Ghaeb erst kürzlich von sich gegeben haben soll: Er zeige „jedem, dem er es zeigen kann, was es heißt, in Gefangenschaft zu geraten.“ Das bekommen nun womöglich die beiden Deutschen zu spüren.

Auch ein Terrorismusexperte in der Bundesrepublik hat „ein deutlich schlechteres Gefühl als im Fall Osthoff“. Schon die Umstände der Entführung der zwei Deutschen deuteten auf eine „hohe kriminelle Energie“ der Geiselnehmer hin, sagt Guido Steinberg, Ex-Referent im Kanzleramt und jetzt in Berlin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik tätig. Dass die Kidnapper sich mit Uniformen der irakischen Nationalgarde getarnt hätten sei ein Indiz für einen „professionell kriminellen oder professionell politischen Hintergrund“.

Steinberg stellt einen Vergleich an, der die Entführung der Sachsen brisanter als den Fall Osthoff erscheinen lässt. „Was wir jetzt erleben, erinnert an die gezielten Angriffe militanter Islamisten auf Ölanlagen und westliches Fachpersonal in Saudi-Arabien“, sagt Steinberg. Im Mai 2004 griffen Terroristen in Chobar Ölfirmen an und nahmen Geiseln. 22 Menschen starben, darunter drei westliche Ausländer. Mit solchen Schlägen würden gleich zwei Ziele erreicht, sagt Steinberg: Ausländische Fachleute seien verängstigt und die Ölindustrie werde geschädigt.

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