Zeitung Heute : Leben Kein Platz zum

Sie hörte ein Dröhnen, und wenig später war, wo ihr Haus stand, eine Staubwolke. Wie eine Frau ein Jahr nach dem Beben in Haiti auf vier Quadratmetern zurechtkommen muss

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Champ de Mars in Port-au-Prince: Rund 4000 Menschen leben hier in selbst gebastelten Verschlägen. Fotos: Jan Klarin
Champ de Mars in Port-au-Prince: Rund 4000 Menschen leben hier in selbst gebastelten Verschlägen. Fotos: Jan Klarin

Jeden Tag, wenn die Dämmerung hereinbricht in Port-au-Prince, kämpft Immaculate Pierre um ihr Zuhause. Eine zwei Quadratmeter kleine Hütte: Das ist alles, was sie hat.

Sie läuft die Straßen entlang, vorbei an Zelten, Ständen mit Essen, Trümmerhaufen, vorbei am zerstörten Präsidentenpalast. Sie bleibt erst stehen, als sie vor dem Zeltlager am Marsfeld, dem Champ de Mars, anlangt. Rund 4000 Menschen leben hier. Sie blickt sich kurz um, dann huscht sie zwischen einer Holzhütte und einem Plastikverschlag hindurch, vorbei an einer Frau, die sich in einem Plastikzuber wäscht, vorbei an kreischenden Kindern, an Jugendlichen, die laut Musik hören. Vor einem zwei Meter hohen und vier Quadratmeter großen Viereck aus Karton, Holzbalken und Wellblech, über das eine Plastikplane geworfen ist, bleibt sie stehen.

In dem Quader stehen weitere Kartons auf der blanken Erde, angeordnet zu einem schmalen Bett, darüber türmen sich vier Decken. Gegenüber stehen zwei große Kochtöpfe aus Aluminium, ein kleines rußverschmiertes Eisengestell. Sie ist angekommen in ihrem Zuhause, das sie beschützen will vor Eindringlingen, vor Menschen, die noch weniger haben als sie. Hier lebt die 42-Jährige seit mehr als einem Jahr mit ihrem achtjährigen Sohn Vilet.

Immaculate Pierre ist eine von rund einer Million Haitianern, die ein Jahr nach dem schweren Erdbeben am 12. Januar 2010 immer noch obdachlos sind und die auch jetzt noch keine Aussicht auf ein besseres Leben haben. Selbst wenn es freie Wohnungen gäbe, könnte sie sich die niemals leisten. Sie hat keine Arbeit, kein Geld.

Schon vorher war Haiti das ärmste Land der Welt. Seit dem veheerendsten Erdbeben der süd- und nordamerikanischen Geschichte liegt es auch noch in Trümmern. Laut einem Bericht der NGO Oxfam sind nur fünf Prozent der zerstörten Häuser weggeräumt, nur zehn Prozent wiederaufgebaut.

Am frühen Nachmittag des 12. Januar 2010 hatte auch Inmaculate Pierre noch ein richtiges Haus. Es war ein einfacher Bungalow, nichts Besonderes, aber es gehörte ihr, sie konnte die Tür abschließen, nach Hause kommen, wann sie wollte, für sich sein.

Immaculate Pierres Mann war gerade zu Besuch, seit einigen Jahren arbeitete er in den USA als Bauarbeiter, um der Familie Geld zu schicken. Sie brachte ihren Sohn in die Schule, lief dann zu ihrem kleinen Laden, in dem sie bunte Kleider verkaufte.

Am Nachmittag dachte sie darüber nach, was sie ihrem Mann am Abend kochen würde. Ihr Sohn war nach der Schule zu ihr in den Laden gekommen, machte gerade seine Hausaufgaben. Sie wollte Poulet Creole machen, Hühnchen mit vielen Gewürzen, Reis und schwarzen Bohnen. Als sie so in Gedanken war, hörte sie plötzlich ein lautes Dröhnen. Sie stand im Türrahmen, wartete auf Kunden. Wenige Sekunden später bäumte sich die Erde vor ihr auf.

Quer über die Wand ihres Ladens verlief ein großer Riss, zwei Nachbarhäuser waren eingestürzt. Sie dachte an ihren Mann. Um diese Uhrzeit hielt er seinen Nachmittagsschlaf. Sie rannte nach Hause, auf dem Weg rief sie ihre erwachsenen Töchter an, es ging ihnen gut.

An der Stelle, wo ihr Haus gestanden hatte, war eine große Staubwolke. Ihren Mann hat sie nie wiedergefunden. Wahrscheinlich liegt er immer noch unter den Trümmern.

Immaculate Pierre hebt die vier Decken an, die auf dem Kartonbett liegen, und holt ein Foto hervor. Sie ist darauf zu sehen, mindestens zehn Kilo schwerer und mit langem, geglätteten Haar. Ein großer, kräftiger Mann hält sie in den Armen. Sie trägt ein buntes Kleid, er einen schwarzen Anzug. Es ist eine Studioaufnahme, sie haben sie im Dezember vor dem Beben anfertigen lassen, für die Zeit, wenn ihr Mann wieder in den USA sein würde. Sie drückt das Bild mit beiden Armen an ihre Brust.

In ihrem Laden wollte sie damals nicht bleiben, sie hatte Angst, der Riss könnte größer werden. Ihre beiden Töchter fanden Unterschlupf bei den Eltern ihres Mannes. Sie nahm Vilet an der Hand und folgte den Menschen, die durch die Straßen trieben, bis sie am Champ de Mars stand. Mittlerweile war es zehn Uhr abends. Sie sah, wie Menschen sich auf dem Platz niederließen, wie es immer voller wurde, dachte, dass bald nichts mehr frei sein würde.

Sie setzte sich in eine Ecke des Platzes und sagte ihrem Sohn, er solle sich hinlegen. Sie legte sich daneben und wartete, dass es wieder hell würde. „Meine Gefühle waren ausgeschaltet“, sagt Immaculate Pierre heute. „Ich dachte nur daran, dass ich mich um einen Schlafplatz kümmern musste und dass es vielen, vielen Menschen so gehen würde wie mir.“

An der Stelle, an der sie sich niedergelassen hatte, begann sie am nächsten Morgen ihr neues Zuhause aufzubauen. Sie ging durch die Straßen, suchte in den Müllbergen, die sich überall türmten, nach Plastik, Karton, Blech. Zusammen mit ihr waren Hunderte von Menschen unterwegs. Sie kam an ihrem Laden vorbei, mehrere Familien hatten sich im Inneren niedergelassen, von der Kleidung war nichts mehr da. Als sie so viele Plastik- und Kartonteile hatte, dass sie nicht mehr tragen konnte, kehrte sie zurück. Ihr Sohn saß noch an derselben Stelle. Sie legte den Karton auf den Boden, drapierte die Blechteile darum herum.

In den nächsten Tagen zog sie immer wieder los, einmal hatte sie Glück und fand ein paar lange Holzstangen, die sie in den Ecken der Hütte aufstellte. Es fehlte nur noch ein Dach. Doch eine Plastikplane fand sie einfach nicht. Geld hatte sie mittlerweile keines mehr. Auch auf der Bank war nichts mehr. Es war Anfang Januar, gerade erst hatte sie die Jahresmiete für den Laden und das Haus bezahlt, wie es üblich war in Haiti.

Sie begann, betteln zu gehen, um Essen kaufen zu können. Anfangs ließ sie ihren Sohn immer zurück, wollte die Hütte nie alleine lassen. Sie wurde die Angst nicht los, jemand könnte sie ihr wegnehmen. In dem Camp gibt es keine Regeln, keine NGO, die sich für die Menschen verantwortlich fühlt, so wie es in anderen Lagern oft passiert. Nach drei Monaten hatte sie genug zurückgelegt, um eine Plastikplane zu kaufen. Sie kostete 20 Euro.

Auch heute zieht sie jeden Morgen los zum Betteln. Sie fragt vor allem die vielen Weißen, die UN-Soldaten, die NGO-Mitarbeiter. Am meisten geben ihr aber die Haitianer, denen es gut geht, die das Beben nicht getroffen hat. Meist bekommt sie genug für Mittag- und Abendessen. Wenn sie es mal nicht schafft, dürfen ihr Sohn und sie bei der Nachbarin mitessen. Im Gegenzug lädt sie sie ein, wenn es an einem Tag besonders gut lief.

Mit den anderen Leuten aus dem Lager unterhält sie sich manchmal, viel Kontakt hat sie nicht. „Wir müssen miteinander leben. Alles ist so eng, wir können uns nicht aus dem Weg gehen“, sagt sie. „Wenn es Streit gibt, wird es schwierig. Ich halte mich lieber zurück.“ Tagsüber lässt sie ihren Sohn mittlerweile mit den anderen Kindern spielen, in die Schule geht er nicht mehr. Die alte ist eingestürzt, von einer neuen hat sie nichts gehört. Nur wenn es dunkel wird, will sie die Hütte nicht alleine lassen. Wenn sie im Bett liegt, findet sie selten Ruhe. Einmal hörte sie, wie ein Mann in die Hütte neben ihr ging, laut stöhnte. Die Nachbarin schrie. Seitdem hat sie Angst, dass ihr das auch passieren könnte.

Sie nimmt einen Aluminiumtopf und geht zu dem Brunnen, den das Rote Kreuz vor dem Marsfeld angebracht hat. Zurück in der Hütte, holt sie das rußverschmierte Eisengestell, kauert sich davor auf den Boden und beginnt, mit Zeitungspapier ein paar Kohlen anzuzünden. Es gibt Reis mit Bohnen. Hühnchen hat sie schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr gegessen.

Ihre dürre Hand fährt durch das kurze Haar, sinkt in den Schoß, öffnet sich. Ein schwarzes Büschel bleibt zurück. Inmaculate Pierre kämpft um mehr als ihr Zuhause. Es geht um ihr Leben.

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