Zeitung Heute : Leben oder sterben lassen

Nach Jahren im Koma sollte sie nun nicht mehr ernährt werden. Der Fall spaltet eine Familie – und die USA

Malte Lehming[Washington]

Sie liegt auf dem Krankenbett. Ihr Unterkiefer ist eingefallen, der Mund etwas geöffnet. Die obere Zahnreihe ist zu sehen. Das dunkle Haar wurde ihr nach hinten gestrichen. Terri Schiavo scheint reglos, sieht aber wach aus. Dann geschieht es. Ihre halb geöffneten Augen scheinen einer Bewegung zu folgen. Einem Luftballon, dem Gesicht ihrer Mutter: Sie scheint dies wahrnehmen zu können. Verändert sich gar ihre Stimmung? Lächelt sie?

Diese Szene hat jeder Amerikaner im Kopf. Seit Jahren wird sie in den Nachrichten gezeigt. Die Kommentare dazu klingen immer gleich. Grausames Drama, bittere Tragödie. Die Geschichte spielt in Florida, beschäftigt aber längst die Nation. Auch der Präsident ließ am Donnerstag eine Stellungnahme verbreiten. „Der Fall Terri Schiavo wirft schwierige Fragen auf“, sagte George W. Bush. „Doch in Fällen wie diesem, in dem es ernsthafte Fragen und substanzielle Zweifel gibt, sollten sich unsere Gesellschaft, unsere Gesetze und Gerichte auf die Seite des Lebens schlagen. Diejenigen, die von der Gnade anderer abhängig sind, verdienen unsere besondere Fürsorge.“

Doch eigentlich sollte an diesem Freitagmittag die Zeit der Appelle, Interventionen, Klagen und Demonstrationen vorbei sein. Um 13 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit sollten Ärzte die Magensonde der 41-jährigen Frau entfernen, mit der sie seit 15 Jahren künstlich ernährt wird. Dann sollte sie langsam sterben. Über Tage, womöglich Wochen. Ein sicher quälendes, vielleicht qualvolles Ende.

Keiner kann genau sagen, wie viel Schmerzen Schiavo empfindet. In den frühen Morgenstunden des 25. Februar 1990 war sie in ihrem Haus in der Stadt St. Petersburg zusammengebrochen. Sie und ihr Mann Michael arbeiteten zu unterschiedlichen Zeiten, Terri als Angestellte bei einer Versicherung am Tag, Michael als Manager eines Restaurants am Abend. Gegen zwei Uhr morgens war er nach Hause gekommen. Da schlief seine Frau. Gegen vier Uhr 30, das erzählte er in einem der wenigen Interviews, die er bislang gab, auf CNNs „Larry King Live“, wachte er von einem dumpfen Geräusch auf. Seine Frau, damals 26 Jahre alt, lag bewusstlos auf dem Boden. Als die Ärzte eintrafen, hatte ihr Herz seit zehn Minuten stillgestanden. Durch den Sauerstoffmangel erlitt sie schwere Hirnschäden. Atmung und Kreislauf sind intakt. Ansonsten befindet sie sich, das jedenfalls behauptet ihr Mann, in einem „permanenten vegetativen Zustand“. Eine Besserung sei nicht zu erwarten.

Das Gegenteil behaupten Terris Eltern, Bob und Mary Schindler. Ihren Schwiegersohn, der der gesetzliche Vormund ihrer Tochter ist, betrachten sie als Feind. Er will, dass sie sterben darf. Sie wollen, dass sie lebt. Seit zwölf Jahren bekämpfen sich die beiden Lager vor Gericht. Beide haben Ärzteteams engagiert. Deren Aussagen widersprechen sich. Die Ärzte der Eltern attestieren der Patientin ein „minimales Bewusstsein“. Einige glauben, dass es Heilungschancen gibt. Die Gegenseite hält das für ausgeschlossen.

Bob und Mary Schindler sind, wie ihre Tochter Terri, Katholiken. Abtreibung und Sterbehilfe lehnen sie ab. Terri indes hatte keine Patientenverfügung abgefasst. Ihr Mann, ein bärtiger Hüne, sagt: Terri habe ihm vor ihrem Unfall oft zu verstehen gegeben, im Falle einer unheilbaren Erkrankung würdevoll sterben zu wollen. Das Gericht hat ihm geglaubt.

Die Eltern erbost das. Sie haben an Dutzenden Demonstrationen für das Lebensrecht ihrer Tochter teilgenommen. Die Teilnehmerzahlen steigen kontinuierlich. Vor allem christliche Gruppen beteiligen sich. „Was die Nazis taten und was sie Terri antun wollen, ist dasselbe“, rief Bob Schindler am vergangenen Sonntag der Menge zu. Er sprach von Genozid. Andere beteten. Ein Mann hielt ein Schild hoch. „Kriminelle und Tiere lässt man nicht verhungern – warum Terri?“ Mitglieder einer christlichen Jugendorganisation kündigten an, in den Hungerstreik zu gehen, falls die Magensonde entfernt wird.

Freitagvormittag sind sie wieder da. Hunderte ziehen vor das Krankenhaus in Pinellas Park. Das Bild von Terris Gesicht, wie es vom Krankenbett die Mutter anzulächeln scheint, tragen sie in Plakatgröße vor sich her. In der Nacht zuvor waren in Florida und Washington die Parlamente aktiv geworden. Doch weder hier noch da konnten sich Senat und Repräsentantenhaus auf eine gemeinsame Initiative verständigen, die die richterlich dem Tod Geweihte vor ihrem Schicksal bewahrt hätte.

Nach Mitternacht dann, am Freitag um ein Uhr früh, kündigten prominente Republikaner in Washington an, den Fall von einem Ausschuss des Kongresses überprüfen lassen zu wollen. Die Ärzte würden im Laufe des Vormittags angewiesen, Terri Schiavo so lange am Leben zu lassen, wie die Untersuchung dauere. Und so kommt es auch.

Kurz vor zwölf Uhr treffen im Krankenhaus, in dem Terri Schiavo liegt, Vorladungen von einem Komitee des Repräsentantenhauses in Washington ein. Terri, ihre Eltern und ihr Ehemann werden aufgefordert, am Karfreitag vor jenem Kongressausschuss auszusagen. Die Ausschussmitglieder werden dazu nach Florida reisen. Eine halbe Stunde später entscheidet der Richter, die Magensonde nicht zu entfernen. Der Aufschub sei zeitlich befristet, er würde zumindest so lange währen, bis die rechtliche Relevanz der Vorladungen geprüft sei.

Wie viele Leben hat diese Frau? Zweimal bereits wurde ihr die Magensonde auf richterliches Geheiß hin entfernt. Am 11. Februar 2001 entscheidet Richter George Greer zum ersten Mal zu Gunsten von Michael Schiavo. Ein Berufungsgericht bestätigt das Urteil. Am 29. März 2001 ordnet Greer die Entfernung der Magensonde zum 20. April 2001 an. Das Oberste Gericht von Florida lehnt eine Intervention in den Fall ab. Am 20. April, in letzter Minute, gewährt ein Bundesgericht einen dreitägigen Aufschub. Am 23. April lehnt auch das Bundesverfassungsgericht in Washington eine Intervention ab. Am 24. April wird die Magensonde entfernt.

Zwei Tage später ordnet ein anderer Bezirksrichter an, Terri wieder künstlich zu ernähren. Zuvor hatten deren Anwälte eine frühere Freundin von Michael Schiavo aufgetrieben. Die sagte aus, Michael habe ihr einmal erzählt, dass seine Frau nie mit ihm über Sterbehilfe gesprochen habe. Die nächste Runde im Justizstreit beginnt. Erneut werden Ärztegutachten eingefordert, erneut wird über die Vormundschaft Michaels beraten. Am 12. Oktober 2002 geben drei von fünf Ärzten zu Protokoll, Terri Schiavo befinde sich in jenem „permanenten vegetativen Zustand“, es gebe keine Heilungschance.

Am 22. November urteilt Richter Greer zum zweiten Mal, dass die Magensonde entfernt werden müsse. Wieder werden alle Instanzen bemüht. Am 15. Oktober 2003 entfernen Ärzte die Magensonde. Nun greift Jeb Bush, der Gouverneur von Florida, ein. In aller Eile wird ein Gesetz verabschiedet, „Terri’s Law“ genannt, das die weitere Ernährung der Patientin verfügt. Sechs Tage, nachdem ihr die Magensonde entfernt wurde, wird Terri Schiavo wiederbelebt und erneut künstlich ernährt. Doch später erklärt Floridas Oberstes Gericht das Eingreifen des Gouverneurs für verfassunsgwidrig. Damit sind, für Terri und ihre Eltern, die Karten der Justiz endgültig ausgereizt.

Richter Greer ist kein Aktivist. Er hat das Gefühl, nach Lage der Dinge nicht anders entscheiden zu können. Die Nase markant, das Haar schütter, das Augenlicht schlecht: Seit Jahren ist der 63-Jährige mit dem Fall befasst. Der Fall „Schindler vs. Schiavo“ landete 1998 auf seinem Schreibtisch. Inzwischen muss er von Sicherheitskräften geschützt werden. Morddrohungen gehen bei ihm ein.

An all das denkt Greer, wenn er sich im Gerichtshaus von Clearwater, im vierten Stock im dunkel getäfelten Raum Nummer A, die Argumente anhört. Er selbst charakterisiert sich als „mitfühlenden Konservativen“. Doch den Gottesdienst seiner Gemeinde besucht der Baptist nicht mehr. Denn vor zwei Jahren hatte auch die ihn attackiert. Der Fall Schiavo hat den Richter einsam gemacht. Den Präsidenten, dessen Bruder und Gouverneur von Florida, Abgeordnete, konservative Christen, Behindertenverbände, den Papst, einen Teil der Mediziner: Sie alle hat er gegen sich. Noch einsamer indes dürfte Michael Schiavo geworden sein.

In die Öffentlichkeit wagt er sich nicht mehr. Selbst zu Gerichtsterminen erscheint er nicht. Als einer von vier Brüdern wuchs Michael in Levittown auf, einer Kleinstadt im Bundesstaat Pennsylvania. Dort lernte er 1982 Theresa Marie Schindler kennen. Michael war ihr erster Freund. Zwei Jahre später heirateten sie und zogen nach St.Petersburg. Kurz bevor sie im Jahr 1990 kollabierte, behaupten Terris Eltern, soll es Streit zwischen dem Paar gegeben haben. Michael soll versucht haben, Terri zu erwürgen.

Was treibt ihn an? Er selbst sagt, die Moral. Er kämpfe nur für das, was Terri gewollt habe – einen würdevollen Tod. Als ihr Ehemann habe er das Recht darauf. Ein kalifornischer Millionär bot Michael vor kurzem eine Million Dollar an. Dafür solle dieser die Vormundschaft über Terri abgeben. Michael wies das Angebot ab.

Dieselbe Erfahrung hatten auch Bob und Mary Schindler gemacht. Sie versprachen ihrem Schwiegersohn ihr gesamtes Vermögen sowie sämtliche Veröffentlichungsrechte an dem Drama, falls er seine Klage fallen und Terri am Leben lasse. „Buchrechte, Filmrechte, er kann alles Geld für sich allein haben“, sagte deren Anwalt, „wenn er nur bitte, bitte, aufhört.“ Doch Michael hört nicht auf.

Einer seiner Anwälte ist George Felos, der schon viele Sterbehilfefälle vor Gericht vertrat. Seine Gegner nennen ihn den „Euthanasie-Advokaten“. Die Euthanasie selbst, etwas euphemistisch „aktive Sterbehilfe“ genannt, ist in den USA verboten. Patienten haben das Recht, unerwünschte Behandlungen zu verweigern, nicht aber zu sterben. Im Bundestaat Oregon indes wurde vor sieben Jahren der „Death with Dignity Act“ verabschiedet. Das erlaubt Medizinern eine Art passiver Sterbehilfe. Sie dürfen selbst nicht töten, aber eine tödliche Medikamentendosis bereitstellen. Die freilich muss der Patient selbst einnehmen.

Gegen Oregon läuft die Bush-Regierung seit vier Jahren Sturm. Ex-Justizminister John Ashcroft trieb die Sache bis vor den Supreme Court. Sein Nachfolger, Alberto Gonzales, ist nicht minder gewillt, den Anfängen jeglicher Sterbehilfe zu wehren. Im Fall „Gonzales vs. Oregon“ hat das US-Verfassungsgericht ein Grundsatzurteil angekündigt.

Für Terri Schiavo dürfte es dann vielleicht zu spät sein. Aber vielleicht geschieht in der nächsten allerletzten Sekunde wieder irgendetwas Spektakuläres, durch das die Entfernung der Magensonde aufgeschoben wird. Doch wirklich retten kann sie nur noch ein Wunder.

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