Zeitung Heute : Leben unter der Eisschicht

Jeden Tag bekommen durchschnittlich 60 Patienten die Diagnose „positiv“. Die Ukraine ist das Land mit der höchsten Aidsrate in Europa. Jetzt reisen hunderttausende Fußballfans an.

Diana Laarz[Charkiw]
Armes krankes Land. Jeder Hundertste ist in der Ukraine HIV-infiziert. Foto: Jean-Luc Luyssen/laif
Armes krankes Land. Jeder Hundertste ist in der Ukraine HIV-infiziert. Foto: Jean-Luc Luyssen/laifFoto: Jean-Luc Luyssen/Neus/laif

Einen Moment verharrt Wladimir in der Tür und kann sich nicht sattsehen an diesem Bild. Seine Tochter Mascha zusammengekauert über einem Malbuch, die Zunge zwischen den Lippen, vor sich einen Berg Buntstifte. Dann entdeckt sie ihren Vater, springt auf, rennt mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Zum ersten Mal an diesem Tag lacht Wladimir. Später auf der Straße, nachdem beide zusammen die Schnürsenkel gebändigt und Pizza mit ganz viel Belag gekauft haben, fragt Mascha: „Papa, wie viel ist eine Million plus zwei Millionen?“ Der sagt dazu: „Sie ist so ein kluges Kind, so ein unglaublich kluges Kind.“

Die sechsjährige Mascha weiß, dass ihr Vater eine kranke Leber hat. Hepatitis B und C. Sie weiß nicht, dass er HIV-positiv ist. Wenn es nach Wladimir geht, wird das noch lange so bleiben. Er hat gerade 100 Dollar zusammengekratzt, damit Mascha in einem anderen Stadtteil von Charkiw eingeschult werden kann, wo niemand weiß, was mit ihrem Vater los ist. Er will auch seinen Nachnamen nicht nennen. Alle sagen Wowa zu ihm, das müsse reichen.

Wowa, 37, ist ein Aidskranker aus den frühen Jahren der unabhängigen Ukraine: zuerst drogenabhängig, dann aidskrank. Die meisten Ukrainer infizierten sich, als sie die Spritzen in der Gruppe kreisen ließen. Wowa vermutet, dass er sich im Gefängnis angesteckt hat, in dem er wegen Drogendelikten saß. Der Arzt, der ihm vor zwölf Jahren die Diagnose stellte, sagte: „Sie haben Aids, ich gebe Ihnen noch ein halbes Jahr.“

Wer Wowa heute besucht, trifft einen Mann, der mit seiner Frau Jana, Mascha und der Schildkröte Mathilde – alle drei gesund – in einem 15-Quadratmeter-Zimmer wohnt. Seine Mutter, die ihren Sohn an die Drogen verlor, als er 14 Jahre alt war, erkennt ihren Wowa langsam wieder. „Noch nie konnte er Ruhe so gut ertragen wie jetzt.“ Wowa zeigt Fotos mit seinen posierenden Knastkumpanen ohne Wehmut. Er trägt auf seiner Brust eintätowierte alte Runen, die ihn als Anführer der Gruppe ausweisen. Doch das letzte Tattoo, das er sich hat stechen lassen, ist das Gesicht von Mascha auf seinem rechten Unterarm.

Aids ist in der Ukraine längst nicht mehr nur ein Problem unter Drogenabhängigen, Prostituierten und Homosexuellen. 2011 haben sich in dem Land erstmals mehr Menschen beim Geschlechtsverkehr infiziert als über andere Übertragungswege. Die Ukraine, das Land, in das nun hunderttausende Fußballfans reisen werden, gilt als das Land mit der höchsten HIV-Infizierungsrate in Europa. Mindestens jeder 100. Bewohner ist betroffen – zum Vergleich: In Deutschland ist es jeder 1000. Und pro Tag hören durchschnittlich 60 ukrainische Patienten die Diagnose „positiv“.

Bei Wowa hat es ein paar Jahre gedauert, bis er die Diagnose überhaupt wahrhaben wollte. Erst als er fast bis auf die Knochen abgemagert war, fing er an, Medikamente zu nehmen. Am Tag davor rauchte er seine letzte Zigarette und schwor den Drogen ab. Die Diagnose Aids hat in ihm einen Lebenswillen entfacht, den er vorher nie besessen hatte: „Ich will mindestens 60 Jahre alt werden.“ Wowa geht jetzt als Besucher in Charkiwer Gefängnisse und wirbt für Aidstests. Und er malt mit Mascha Dinosaurier aus.

Die Aidsbehandlung, die vor allem dank internationaler Hilfe Fortschritte macht, hält mit der Ausbreitung der Krankheit in keiner Weise Schritt. 22 000 Menschen nehmen die Medikamente, mehr gibt der Staatshaushalt nicht her. 95 000 Betroffene warten auf eine Therapie. Im Jahr der Fußball-EM hatte die Regierung versprochen, die Zahl der Therapieplätze auf 45 000 zu erhöhen. Ob das klappt, wird man erst Anfang nächsten Jahres wissen. Deshalb schaut Sergej Dmitriew, der Vorsitzende der örtlichen Aids-Selbsthilfegruppe, auch halb betrübt auf die Fußballmeisterschaft in seinem Land. Er sagt: „Mit all dem Geld, das für die Vorbereitung des Turniers ausgegeben wurde, hätte man die Aidstherapie in der Ukraine für die kommenden 20 Jahre bezahlen können.“

Swetlana war nie eine Frau mit vielen Männerbekanntschaften. Manchmal hockt sie nun auf der Liege in ihrem Zimmer zwischen den grünen Tapeten und den Hundebildern an der Wand und grübelt: „Wer? Wer hat mir das angehängt?“ Den Mann, mit dem sie zuletzt zwei Jahre zusammenlebte, trifft sie manchmal in der Stadt. Sie traut sich nicht, ihn zu fragen. Ob er Aids hat wie sie. „Wenn er es hätte, würde er es mir sagen.“ Swetlana sagt niemandem etwas. Auch nicht ihrer Mitbewohnerin. „Hier hat niemand Angst vor Krebs, aber alle fürchten Aids.“

Swetlana, 43 Jahre alt, war früher einmal eine selbstbewusste Krankenschwester. Heute sieht man ihren Augen an, dass sie in den vergangenen Jahren viel geweint haben. Sie lebt von knapp 77 Euro Frührente im Monat, das reicht für ein Zimmer am Rande von Charkiw, wo keine Gehwegplatte gerade liegt. Sie hat in einem Kurs Massagetechniken gelernt und von der Selbsthilfegruppe zum Neujahrsfest eine Massageliege geschenkt bekommen. Die steht jetzt zusammengefaltet neben dem Schrank in ihrem Zimmer. Nebenan im Einkaufszentrum habe doch dieser Massagesalon aufgemacht, der riesige Rabatte anbiete, sagt Swetlana. Sie hat aufgegeben, nicht nur die Sache mit der Massage.

Es gibt nur wenige Dinge, die Swetlanas Tagen Halt geben. Die Medikamente gehören dazu. Morgens, mittags und abends ein paar Tabletten. Damit gehört Swetlana zu den 727 HIV-infizierten Personen im Gebiet Charkiw, die in diesem Jahr die antiretrovirale Therapie bekommen, die die Vermehrung der Viren eindämmt. Von diesen 727 Patienten werden 600 über den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria versorgt, also mithilfe ausländischer Geldgeber. Swetlana ist nicht die Einzige, die sagt: „Ohne den Globalen Fonds hätten wir hier Zustände wie in Afrika.“

Sie dachte einmal, dass Aids nichts mit ihrem Leben zu tun habe. Sie hörte die Theorien, die durch ukrainische Medien schwirren. Dass HIV durch einen Händedruck übertragen wird. Dass die Viren durch die Poren eines Kondoms kriechen. Sie weiß es jetzt besser. „Ich lebe seit sechs Jahren wie unter einer Eisschicht“, sagt Swetlana. Es hört sich nicht so an, als würde sie je wieder auftauchen wollen.

Tarass und Jana Katerintschik fällt das Reden über den eigenen Tod leicht. „Der Arzt sagt, meine Blutwerte sind so schlecht, ich könnte jeden Tag sterben“, sagt Tarass. Seine Frau Jana nickt und wiederholt seine Worte, wie sie es oft tut: „Ja, jeden Tag sterben.“ Ein Paar, das sich auf einer abgewetzten Couch umklammert. Er sagt, sie sei die Stütze, ohne die er zusammenbrechen würde. Sie nennt ihn „meinen Kater“ und zuckert seinen Tee. Ihre Küche ist ein verrußtes Trümmerfeld. Sie ging einige Wochen zuvor in Flammen auf, als Tarass Drogen kochte.

In der Ukraine gibt es eine Tradition, Gott zum Neujahrsfest einen Brief zu schreiben. Vor sieben Jahren schrieb Tarass in seinen Brief: Ich bin 30 Jahre alt, komme von den Drogen nicht weg, bin HIV-infiziert, was kann ich vom Leben noch erwarten? „Dann schickte Gott mir Jana“, sagt Tarass. Er begegnete ihr in der Aidsklinik. Sie nahm Drogen wie er. Nach dem dritten Treffen waren sie zusammen. Die Hochzeitsfotos zeigen eine hübsche dunkelhaarige Braut und einen großen, kräftigen Mann mit stolz erhobenem Kinn. Jetzt schlackert die Kleidung an seinem ausgezehrten Körper, Hepatitis hat die Pupillen gelb gefärbt, die Beine sind mit eitrigen Wunden übersät. „Ohne Tarass kann ich nicht leben“, sagt Jana in einem Moment, als Tarass nicht dabei ist. Sie weiß, dass sie es wahrscheinlich bald versuchen muss.

Das Feuer in der Küche hat einiges bewirkt. Tarass und Jana nehmen jetzt am Methadonprogramm teil. Jeden Morgen um halb neun setzen sie sich in einem Vorort von Charkiw in den Bus, fahren eineinhalb Stunden zur Aidsklinik, gehen durch einen Seiteneingang und bekommen jeweils 80 Milligramm Methadon. Danach trinken sie einen Tee und fahren wieder eineinhalb Stunden zurück. Die Busfahrten kosten umgerechnet 3,50 Euro. Wenn sie den ersten Bus verpassen, müssen sie den teureren nehmen, das macht 50 Cent mehr. Jana und Tarass verpassen nicht gern den ersten Bus. 50 Cent sind sehr viel Geld für ein Paar, das weder Lohn noch staatliche Unterstützung bekommt. Tarass’ Mutter, die in Italien putzt, schickt oft ein paar Scheine.

Aidsaufklärung und -behandlung liegen in der Ukraine vor allem in den Händen von Nichtregierungsorganisationen. Allein in Charkiw gibt es dafür fünf Vereine. Sie schicken nachts Busse zu den Prostituierten, fahren in die Viertel mit den Drogenabhängigen und verteilen saubere Spritzen. Ein Projekt des Popstars Elton John kümmert sich um aidskranke Waisenkinder. Die Aidsklinik von Charkiw ist staatlich, aber die Mitarbeiter, die psychologische Beratung nach einer HIV-Diagnose anbieten oder ein Spielzimmer für die Kinder kranker Eltern eingerichtet haben, werden von der Selbsthilfeorganisation bezahlt.

Manchmal wacht Jana Katerintschik am Morgen auf und fängt an zu weinen. Sie weint um ihr verkorkstes Leben. Tarass und Jana sind sehr gläubig. Es gibt zwei Bücher in ihrer Wohnung, zwei Bibeln, eine zerfleddert und vollgekritzelt, die andere für Feiertage. Vor Gott, sagen sie beide, könnten sie es nicht verantworten, Kinder in die Welt zu setzen. „Ich könnte es nicht ertragen, wenn mein Sohn zu mir kommt und sagt: Mama, warum hast du mich mit dieser schrecklichen Krankheit geboren“, sagt Jana. Tarass laufen Tränen über die Wangen. Gott werde sie ohnehin bestrafen, sagt er. Dafür, dass sie gestohlen, betrogen und Drogen genommen haben. Janas wiederholt: „Natürlich, er wird uns bald bestrafen.“ Dann folgt lange nichts.

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