Zeitung Heute : Lebenshilfe zwischen Tür und Bett

Der Tagesspiegel

Prenzlauer Berg. Seit 10 Jahren betreibt Petra Uhlig einen mobilen Hauskrankenpflegedienst im Bezirk Prenzlauer Berg. Zehn Jahre, in denen sie vor allem die Kehrseite des durch seine jungen Bewohner und lebendige Clubszene bekannt gewordenen Bezirkes kennen gelernt hat. Das Firmenjubiläum nimmt Uhlig zum Anlass, ihre Erfahrungen in einem Buch zu veröffentlichen. „Zwischen Tür und Bett“ erzählt neben persönlichen Patientengeschichten vom täglichen Spagat der Pfleger zwischen den strikten Gesetzen, die immer mehr Einsparungen vorsehen und den Bedürfnissen der Patienten, denen die rechtlichen Regelungen zum großen Teil fremd sind.

Uhlig, die mit ihren rund 30 Mitarbeitern knapp 150 Patienten pflegt, geht ins Detail, was die Misere der Pflegedienste umso deutlicher macht. Alle Dienste pflegen ihre Patienten nach einem im Sozialgesetzbuch festgelegten Modulsystem, das zum Beispiel für das Reichen einer kleinen Mahlzeit maximal 15 Minuten vorsieht. In dieser Zeit muss das Essen erwärmt, vom Patienten gegessen und das benutzte Geschirr schließlich abgewaschen werden. Was so schon kaum zu schaffen ist, wird noch knapper, wenn die Patienten Sonderwünsche haben, zum Beispiel Kohlen aus dem Keller, Medikamente aus der Apotheke oder Geld von der Bank brauchen. „Für alle diese Tätigkeiten ist in den Modulen kein Leistungskomplex vorgesehen“, sagt Uhlig. So bleibe wirklich engagierten Pflegern nichts weiter übrig, als ehrenamtlich, also unbezahlt, tätig zu werden. Das reicht von Gesprächen über kleine Spaziergänge bis hin zu Möbeltransporten, die Uhlig organisiert, wenn ein Patient Möbel loswerden möchte, die ein anderer dringend braucht. Doch trotz der Leistungen engagierter Pfleger bleiben Lücken, wie in den Berichten der Patienten deutlich wird. So freut sich ein 73-Jähriger aus der Oderberger Straße immer auf den Freitag. Dann kommen die Zeugen Jehovas. „Die bringen immer so hübsche Hefte mit. Und alles ist kostenlos. Da hab ich dann endlich mal Besuch.“

Auch der Konkurrenzkampf unter den rund 500 Berliner Pflegediensten, die sich teilweise gegenseitig unterbieten, um die Aufträge der Krankenkassen zu bekommen, kommt bei Uhlig zur Sprache. Angeheizt wird der Druck durch Krankenkassen wie BKK und AOK, die den Hauskrankenpflegen Verträge zu deutlich schlechteren Bedingungen aufzwingen wollen. „Einige Dienste haben das mitgemacht und zahlen ihren Mitarbeitern weniger Geld – um die geringeren Einnahmen auszugleichen“, sagt Uhlig. Zu den Patienten gehören nicht nur alte und gebrechliche Menschen, sondern auch kranke alleinstehende Mütter oder Drogenabhängige. Mit erschreckender Genauigkeit beschreibt Uhlig die unvorstellbare Armut und Verwahrlosung in denen einige der Patienten leben. So erfährt der Leser vom Besuch bei einer Alkoholikerin: „Die Frau schien in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal ihren Müll weggebracht zu haben. Der war in der ganzen Wohnung verstreut: Essensreste – verschimmelt, Töpfe – eklig, faulend, stinkend. Es hat so gestunken, das wir mit Mundschutz arbeiten mussten.“ – Und das für einen Stundenlohn zwischen zehn und 15 Mark. Dazu komme, dass sich einige Ärzte im Szenebezirk weigern, Alkoholiker zu behandeln, weil sie eine Beschädigung ihres Images befürchten.

Doch sie wolle sich in ihrem Buch nicht beklagen, sagt Uhlig. Vielmehr solle es jungen Menschen, die den Beruf des Hauskrankenpflegers zu ergreifen wollen ein realistisches Bild des Berufes vermitteln. „In den Pflegeschulen lernen die angehenden Pfleger zwar die Gesetze, aber wie es in der Praxis tatsächlich zugeht, erfahren sie nicht“, glaubt Uhlig. Auch für die Angehörigen der Menschen, die Pflege brauchen, soll das Buch Informationen liefern. Und Politikern und Berufskollegen soll es Denkanstöße geben und eine Diskussionsgrundlage schaffen. Schließlich kommen die pflegebedürftigen Menschen zu den Gremien, wo über sie entschieden wird nicht mehr hin.Annekatrin Looss

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