Zeitung Heute : „Lebenslanges Lernen ist auch für Politiker notwendig“

Herr Gorholt, die SPD hat eine Akademie für Führungskräfte eingerichtet. Benötigt die junge Politikergeneration mehr Förderung als ihre Vorgänger?

Die demografische Entwicklung macht auch vor den Parteien nicht halt. Die Grundgesamtheit, aus der wir qualifizierte Leute rekrutieren können, ist kleiner geworden. Wir benötigen aber immer noch genauso viel gutes Personal wie früher.

Also ist es bei der SPD wie auf dem Lehrstellenmarkt: Weil es insgesamt immer weniger Bewerber gibt, hat der Kampf um die besten Köpfe begonnen?

In Ostdeutschland wissen wir seit 1990, dass beinahe jedes Parteimitglied auch eine Funktion innehat. Mittlerweile ist es bei manchen Kommunalwahlen – auch im Westen – so, dass für Bürgermeisterposten keine qualifizierten oder gar keine Kandidaten vorhanden sind. Es ist die Pflicht aller Parteien, für politischen Nachwuchs zu sorgen, der auf allen Ebenen wirklich gut qualifiziert ist, um im Interesse der Bürgerinnen und Bürger gute Arbeit zu leisten.

Nur ein kleiner ausgewählter Kreis kann die Führungsakademie besuchen. Nach welchen Kriterien sind die Plätze unter den rund 80 Bewerbern vergeben worden?

Es geht darum, Spitzenpositionen zu besetzen – vom Landtagsabgeordneten über den Staatssekretär bis zum Oberbürgermeister, vielleicht sogar Bundeskanzleramt. Dafür brauchen wir bestmöglich qualifizierte Persönlichkeiten. Grundsätzlich konnte sich jeder bewerben, aber auch die Landesverbände und die Fraktionen haben Kandidaten vorgeschlagen. Voraussetzung für die Bewerber war, dass sie politische Karriereschritte bereits gemacht haben. So sind unter den 42 Teilnehmern zum Beispiel 17 Landtags- und 10 Bundestagsabgeordnete.

Welchen Altersdurchschnitt hat denn der politische Nachwuchs, der an der Akademie für Größeres geschult wird?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zwischen 27 und 54 Jahren alt, das Durchschnittsalter liegt bei 40.

Ganz so jung ist der Nachwuchs ja nicht.

Das Alter ist nicht das entscheidende Kriterium. Franz Müntefering war auch schon 55 Jahre alt, als er Bundesgeschäftsführer wurde, und mit 66 ist er Vizekanzler geworden. Eine politische Karriere ist also keine Frage des Alters.

Was lernen die Akademiebesucher?

Zum einen finden drei Jahrestagungen statt, auf denen es um zentrale Inhalte geht. Zum anderen gibt es sechs Kompetenztrainings. Dabei geht es um Dinge wie Führungsfähigkeit, Konfliktmanagement, Rhetorik oder den Umgang mit der Presse – also grundlegende Fähigkeiten, die ein Politiker haben sollte.

Dazu gehören auch Glaubwürdigkeit und Charisma. Ist so etwas erlernbar?

Ich bin davon überzeugt, das fast alles gelernt werden kann. Dazu gehören auch Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Belastbarkeit – Eigenschaften, die ein guter Politiker braucht und haben sollte. Lebenslanges Lernen, das ist auch für den Beruf des Politikers notwendig. Nur ist das im Bewusstsein vieler Politiker noch nicht richtig angekommen.

In ihrer Partei gab es durchaus Kritik, die Führungsakademie sei zu elitär.

Das Programm ist nur für eine begrenzte Zahl an Menschen durchführbar – das ist also rein praktisch und nicht elitär begründet. Auch die Akademieteilnehmer müssen die Ochsentour machen und sich am Ende in einer demokratischen Wahl durchsetzen, wenn sie ein politisches Amt übernehmen wollen. Und da gewinnt immer noch der Bessere.

Martin Gorholt ist Bundesgeschäftsführer der SPD. Mit ihm sprach Dagmar Rosenfeld. Foto: dpa.

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