Zeitung Heute : Leergut

München und die Olympischen Spiele 1972: Mit Sportstätten in einer künstlichen Landschaft zeigte sich Deutschland von der besten Seite. Was wird nun – ohne Fußball? Ein Rundgang.

-

Von Helmut Schümann


Der Hopfner-Aschenbecher ist auch schon abgeschraubt. Der Hopfner-Aschenbecher, das war ein Detail im Münchner Olympiastadion, ein liebenswertes Detail. Karl Hopfner, der Geschäftsführer des FC Bayern München, stand bei Heimspielen seines Klubs stets im Durchgang der ViPs, links, vom Spielfeld aus betrachtet, und schmiss seine Kippen achtlos auf den Boden. Hopfner ist starker Raucher, also wurde ihm eigens ein kleiner metallener Aschenbecher in die Betonwand montiert. Den Ascher braucht nun niemand mehr.

So wie das Oval an diesem nass-kalten Wintermittag da liegt, scheint auch niemand mehr das Olympiastadion zu brauchen. Trotzig leuchtet die grüne Bestuhlung unter dem grauen Himmel, aber was nützt der Trotz, wenn sich niemand mehr hinsetzt, weil der Fußball ausgezogen ist aus dem Stadion. Da, wo das Spielfeld ist, liegt der Schnee, nicht als glatte Decke, sondern zerwühlt, da ein Haufen, dort ein Hügel. So, als habe irgendjemand angefangen zu räumen und dann abgebrochen, weil es keinen Grund mehr gibt, den Rasen freizulegen. Die Rasenheizung, die dem FC Bayern immergrüne Spielzeiten gewährte, ist eh nicht mehr im Betrieb.

Ein Mann steht auf den Rängen, ein Einziger, wo sich früher bis zu 70 000 drängelten, er steht in einem kleinen Kabuff. Er hat eine Zeitung dabei, er langweilt sich, er ist Wärter, aber an diesem Tag will noch nicht mal jemand das Olympiastadion als Denkmal besichtigen. Ist das Winter-Tristesse oder doch schon der Abgesang auf den wohl symbolträchtigsten Platz der alten Bundesrepublik?

Das war das Münchner Olympiastadion und der ihn umgebende Olympiapark doch: das Dementi des Berliner Olympiastadions, das Dementi der Spiele von 1936, die keine Spiele waren, sondern Pamphlet. Dieser Platz in München sollte das neue Deutschland verströmen, zumindest die neue Bundesrepublik, luftig, weltoffen, transparent, spielerisch, mit dem Blick für die Weite, die Vision – dieser Ort wagte mehr, auch mehr Demokratie. Er wich nicht der Gewalt, die im September 1972 mit dem palästinensischen Überfall auf israelische Sportler die Spiele attackierte. Wenn man heute vom Olympiapark aus über die Hanns-Braun-Brücke zum Olympischen Dorf spaziert, gelangt man zum Mahnmal, einem gewaltigen steinernen Balken, der wie eine Sperre quer zum Weg zwischen den heiteren Spielen und dem Ort des Attentats liegt, „Grenzstein des Lebens, nicht der Idee“ steht darauf.

„Es gibt außer den Fußgängerbrücken nichts Verbindendes zwischen Olympischem Dorf und dem Olympiapark“, sagt Wilfried Spronk, der Geschäftsführer der Münchner Olympiapark GmbH. Gibt es nicht? Als John Prescott, der stellvertretende britische Premierminister, kürzlich zu Besuch war in Vorbereitung der Londoner Olympiabewerbung, schaute er sich auch das Olympische Dorf an und stellte die in solcher schmucklosen Architektur naheliegende Frage, wie es denn heute in dieser Schlafstadt mit dürftiger Infrastruktur um die Gewalt stehe. Aber das Dorf ist keine Banlieue, keine Plattenbausiedlung, Prescott war erstaunt, dass diese Betonburg kaum einmal in Polizeiberichten auftaucht und keinen sozialen Brennpunkt darstellt. Am Haus Connollystraße 31, da, wo die israelischen Sportler ermordet wurden und wo heute das Max-Planck-Institut ein Gästehaus unterhält, erinnert eine Gedenktafel an den Anschlag. Die Atmosphäre im Dorf indes prägen Studenten, spielende Kinder, entspannte Gesichter, freundliche Ladenbesitzer. Fahrräder mit Kinderanhängern stehen vor den Türen, auf den Balkonen sind die erfrorenen Reste von Küchenkräutern zu sehen, Rosmarin, Thymian, Basilikum. Die Krähen auf den Fernsehantennen, nein, sie künden nicht vom düsteren September 1972, sie sind halt nur starr von der Kälte und werden im Frühling wieder flattern. Ob die Idee den Grenzstein dieses eine Mal überwunden hat?

Über 30 Jahre lang wurde die Idee der 72er Republik im Fernsehen übertragen: Bei Olympia demonstrierte die Bundesrepublik ihre Friedlichkeit, weltweit bestaunt und heute zynisch belächelt, weil der Traum von bunten Piktogrammen und zivilen Polizisten den Terror nicht hat aufhalten können. 1974 wurde die Fußball-Nationalmannschaft der BRD Weltmeister, mit Glück nur, aber eben auch ohne gleich wieder die Größte der Welt sein zu müssen (da waren die Holländer damals viel besser und die Mannschaft der DDR in der Vorrunde viel staatstragender und verbissener).

Dann spielte der FC Bayern München hier, mal geliebt, mal gehasst, aber er trug Solidität, Konstanz und Erfolg durch Europa. Es geht doch, hieß das nach anfänglichem Neidgebaren auch, ohne Machtgeprotze, mir san mir, stärker wia a Stier?, ja, ja, aber wir verlieren auch in den letzten zwei Minuten von Barcelona und geben nicht einer Schiedsrichter-Weltverschwörung die Schuld.

Alle Welt kam. In guten Jahren, so hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einmal errechnet, brachten die Aktivitäten des Olympiaparks der Stadt inklusive Gastronomieumsätzen, Übernachtungen etc. 263 Millionen Euro. Alle Welt schaute zu. Und das ist es wohl, was dem Olympiapark heute verloren gegangen ist: Er strahlt nicht mehr nach außen, seine Aussagekraft, auf die seine Architekten Günter Behnisch und Frei Otto bis heute immensen Wert gelegt haben, verpufft im Inneren.

Der Fußball ist ausgezogen und mit ihm die Öffentlichkeit. Er wird nicht wieder kommen. Es gibt eine Vereinbarung mit den Betreibern der neuen Arena in Fröttmaning: Großveranstaltungen, die nichts mit Fußball zu tun haben, finden im Olympiastadion statt. Die mit Fußball sind in Fröttmaning, mit anderen Worten: Die Party ist woanders.

Dabei lebt der Park. In der Früh quälen sich Hundertschaften von Joggern durch die gleichermaßen künstliche wie historische Landschaft. Der Olympiaberg, erbaut auf den Trümmern der im Krieg zerstörten Münchner Häuser, ist Ausflugs- und Picknickziel im Sommer und im Winter Rodelhügel. Vor der Olympia-Alm, einem bescheidenen Biergarten auf halber Höhe des Hügels, hocken die, die da immer hocken. Unten, am Rande des Sees, schleudern ein paar Eisstockschützen ihre Stöcke, das Klackern schallt den Berg hinauf. Der Park ist öffentlicher Raum, nirgends eingezäunt, jährlich besuchen ihn fünf Millionen Menschen. Nur ist ihm - paradox - die Öffentlichkeit, die Ausstrahlung abhanden gekommen.

Seine Sportstätten sind Fitnesscenter. Die Schwimmhalle ist ebenso rege besucht wie das Eissportzentrum und die neue Socca Five Arena, das sind Indoor-Fußballplätze, sie boomt als Ort trendigen Vergnügens. Und schon scheint die Schwierigkeit durch, die man auch ahnt, wenn man draußen vor den Hinweistafeln steht und unten links, im Südwesten des Parks, neudeutsch die Event-Arena entdeckt. Das ist das ehemalige Radstadion. Bald übernimmt die Stage Entertainment das Stadion, dann wird daraus das nächste Musical-Theater in Deutschland.

Mit Wilfried Spronk, dem umtriebigen Hüter des Parks, ist an diesem Tag schlecht spazieren zu gehen. Zu schmuddelig ist das Wetter, als dass er hoch steigen möchte auf den Berg und schwärmen von der Aussicht auf die olympische Landschaft, auf die Stadt, auf die Berge im Rücken. Es ist eh nichts zu sehen, weil der Himmel schwer und grau runter hängt. Wie ausgleichen, was der entflohene Fußball mitgenommen hat? Der Park ist über 30 Jahre alt, hier und da bröckelt es, erodiert, rostet. Ende der 90er Jahre musste das gesamte Zeltdach erneuert werden, das kostete damals 105 Millionen Mark. Und weiter: Wer dachte 1972 an Energieglas? Die Schwimmhalle ist voll verglast, man kann fast zusehen, wie die Wärme nach draußen in die Kälte entweicht. Der Park braucht bei etwa 45 Millionen Kosten einen jährlichen städtischen Zuschuss von etwa 13 Millionen Euro. Man weiß, wie lange städtische Zuschüsse reichen, selbst im betuchten München weiß man das.

Wilfried Spronk zählt auf: Man werde gut ausgebucht sein im Olympiastadion in diesem Jahr. Da wird die Weinwelt sein, eine Messe der Trauben, ein Firmenlauf, an dem beim ersten Mal 15 000 Menschen teilnahmen, Open-Air Konzerte, Robbie Williams, die Stones, die Zeugen Jehovas, und die Snowboarder werden auch ihre Künste zeigen im Stadion. Und wie ist der Olympiapark davor zu schützen, ein Rummelplatz zu werden?

Noch ein Spaziergang. Von der Schwimmhalle, die gerade renoviert wird, vorbei am Fernsehturm und dem Seerestaurant, das nur vornehm Seerestaurant heißt, aber ein Selbstbedienungsladen nach Art von Autobahnraststätten ist. Man kommt vorbei an einem dieser Space-Rodeos, in denen man sich fühlen kann, als säße man in einem Raumschiff. Hinten rechts am See kann man im Sommer Trampolin springen, und wenn man sich umdreht, kann man am Olympiastadion die Vorrichtung erkennen, an der man sich nach der gesicherten Tour über das Zeltdach 40 Meter auf den Rasen des Olympiastadions abseilen kann. Sealive ist noch nicht fertig, das Aquarium wird gerade gebaut. Dafür ist erst einmal ein Hügel abgetragen worden, der wird anschließend wieder über das Aquarium gekippt. Und es wird wieder alles so aussehen, wie damals. Eine Idylle, eine Vision, luftig, leicht, heiter. Und ohne Kommerz? Ohne Kommerz wäre er nicht mehr. War das also alles eine Illusion?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar