LEGENDENeil Young & Crazy Horse : Planet Rock

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Gäbe es einen Mount Rushmore des Rock, sein Konterfei wäre dort verewigt: Neil Young hat sich in den vergangenen knapp 50 Jahren so mannigfaltige Verdienste um die Erfindung, Verfeinerung, Verbreitung und Erhaltung der Rockmusik erworben, dass man dem Mann Lorbeerkränze flechten und Hymnen dichten sollte. Zumindest Letzteres geschieht ja auch. Erstaunlicherweise wirkt der Kanadier sogar noch viel älter, als er eigentlich ist: 67, das ist eigentlich noch jugendlich für einen Helden aus der ersten großen Rockgeneration. Da haben andere – Leonard Cohen, Bob Dylan, sein Exkollege David Crosby – schon mehr Lenze auf dem Buckel. Doch es ist nicht nur Youngs letzthin etwas instabiler Gesundheitszustand, der ihn gealtert wirken lässt, sondern dieses Moment des Archaischen, Unbeugsamen, ja Störrischen, das sich nicht nur durch seine Musik zieht, sondern auch den Menschen Neil Young mit all seinen Marotten (Modelleisenbahnen sammeln, einen 1959er Lincoln Continental zum Hybridauto umbauen) als einen komplett aus der Zeit gefallenen Sonderling wirken lässt.

Dabei sollte man nicht dem Irrglauben verfallen, hier sieche ein verdienter Rockveteran gemächlich dem verspäteten Ruhestand entgegen. Ganz im Gegenteil scheint sich Neil Young noch mal zu etwas aufzuschwingen, das mit majestätisch nur unzureichend beschrieben ist. Mit seiner uralten, einzig wahren Band Crazy Horse hat er in rascher Folge zwei Platten rausgehauen, von denen die erste, „Americana“, eine Sammlung von Versionen amerikanischer Klassiker, interessant, die zweite aber sensationell ist: Das Doppelalbum „Psychedelic Pill“ stellt nicht nur den Höhepunkt eines wild wuchernden Alterswerks dar. Young erschließt sogar noch mal Neuland, indem er mit Billy Talbot, Ralph Molina und Frank Sampedro bis zu halbstündige Monstertracks spielt. Wer darin zielloses Gegniedel hört, hat nichts verstanden. Jede der episch umeinander kreiselnden Gitarrenfiguren von Young und Sampedro ist wie in Granit gemeißelt, dazu klopfen Talbot und Molina fleißig im rhythmischen Steinbruch. Und alle zusammen singen einige der schönsten Altmännerchoräle der jüngeren Rockhistorie. Ein Monument!Jörg Wunder

Waldbühne, So 2.6., 18.30 Uhr, 80 €

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