Zeitung Heute : Lego ausstellen

Wie ein Berliner, Ost, diese Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ist eine Shell-Ölbohrinsel aus Lego eigentlich ein Kulturgut? Jedenfalls ist sie keine „Flachware“ sondern ein „3D-Objekt“. Das wäre ja schon Grund genug, sie in die Ausstellung zu geben.

Ausstellungsmacher sind immer auf der Suche nach „3D-Objekten“ und klagen darüber, viel zu viel „Flachware“ zu haben. Flachware sei zwar eigentlich informativer, sagen die Ausstellungsmacher schulterzuckend, aber in eine moderne Ausstellung gehörten vor allem nicht flache Objekte, also solche, die in die Tiefe, wenn auch nur die räumliche gehen, in die dritte Dimension. Die Menschen heute wollen das. Sonst gehen sie nicht in Ausstellungen und gucken nur noch fern (dass der Trend auf dem Fernsehgerätesektor „Flacher, immer flacher!“ heißt, ist für die Menschen heute, so scheint’s, kein Widerspruch).

Es gibt eine Ausstellung im Gropiusbau, die handelt davon, wie in den achtziger Jahren die Westkunst in den Osten und die Ostkunst in den Westen kam. Eine Reisekaderausstellung, genannt „Mauerspringer“, für die, so die Ausstellungsmacher, es sehr schwer war, passende 3D-Objekte zu beschaffen. Es gibt eine Lederjacke und eine Schalmei, und eine Art Setzkasten mit Flaschen darin, auf denen Briefmarken kleben. Na ja. Das Objekt, auf das sie besonders stolz sind, ist ein kleiner, unansehnlicher Tisch. Der Biermanntisch. Den hat er noch in der DDR zersägt, einen Teil im Osten gelassen und einen Teil in den Westen exportiert. Nun haben sie die Hälften wiedervereint und ein prima 3D-Objekt. Dass die Teilung des Tisches viele Jahre vor der Ausbürgerung geschah, und mit der deutschen rein gar nichts zu tun hatte – was soll’s. 3D ist 3D.

Hier mein Vorschlag: Wie wäre es denn mit der Öl-Bohrinsel, die mein Vater mir mal mitgebracht hat. Der durfte damals hin und wieder in den Westen, um da Kindertheater zu machen, fiele also in die Rubrik „Mauerspringer“. Die eigentlichen Zeugnisse seines Wirkens sind ohne jeden ausstellungsrelevanten Wert – alles Flachware. Aber die Bohrinsel! Die besteht aus vielen leuchtend gelben Steinen und sähe in einer Vitrine, schön angestrahlt bestimmt ganz prima aus. Für mich war sie – kulturpolitisch gesehen – auch durchaus von größerer Bedeutung als die Bühnenarbeit des Vaters. Da hatten ja nur die Westler was von. Meine Bohrinsel habe ich stets als Installation betrachtet! Sie war kompliziert, sie war farbenfroh, sie mahnte mich, meinen Bruder, meine Schwester, sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umzugehen, überall auf der Welt, in Ost und West. Sie war so zerbrechlich und stets der Gefahr ausgesetzt, in ein ganz anderes Kunstwerk verwandelt zu werden. In so einer Bohrinsel steckt so viel drin. Auch die in der Ausstellung überhaupt nicht angesprochene Problematik der Künstlerfamilienmitbringsel.

Kann natürlich sein, dass inzwischen diverse Legosteine fehlen. Die Fehlstellen könnte man mit Ersatzsteinen ausfüllen, die ihr bisheriges Steinsein im Westen verbracht haben. Mensch, das wär was. Viel bunter als der Biermanntisch. Mindestens so aussagekräftig.

„Mauersprünge“ im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Bis 4. Mai, Mittwochs bis Montags 10 bis 20 Uhr, Eintritt frei.

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