Zeitung Heute : Lehre des Debakels

PETER VON BECKER

Die Blütenträume, in Baden-Baden und Berlin für Kultur und Kommerz eine zukunftsträchtige Doppelehe zu stiften, sind bereits nach dem ersten Frühling geplatzt.Für 120 Millionen Mark wurde in der badischen Kurstadt ein pompöses Festspielhaus errichtet, dessen Betreiber, eine Tochterfirma der Stuttgarter Dekra-Gruppe, nach dem Wunsch des Berliner Kultursenators zugleich das Metropol-Theater als Heimstatt der hauptstädtischen Operette übernehmen sollte.Noch bevor aber ein "Schwarzwaldmädel" von der Oos bis an die Spree hat hüpfen können, crashte Baden-Baden hart am Festspielkonkurs, und die durch technische PKW-Überwachung mehr als durch künstlerische Beförderungsleistungen ausgewiesene Dekra ist am Montag auch von der Bewerbung ums Metropol-Theater zurückgetreten.Damit steht Senator Radunski, der das bald hundertjährige, nach dem Fiasko der Kollo-Intendanz derzeit geschlossene Haus am Bahnhof Friedrichstraße mit 25 Millionen staatlicher Subvention pro Jahr wider alle Warnungen der "Dekra Promotion" übertragen wollte, vor einem Scherbenhaufen.

Das doppelte Debakel hat Signalwirkung.Denn seit in den öffentlichen Kassen Ebbe herrscht und die Kulturetats der Länder und Kommunen fast allenthalben gekürzt werden, geistern Parolen wie "Privatkultur statt Staatskultur" und das magisch aufgeladene Wort "Sponsoring" durch die Debatte.Hier sind nun ein paar Irrlichter auszublasen.Zunächst kann privates Sponsoring bei Festivals, Kunstausstellungen oder einzelnen Aufführungen immer nur das Sahnehäubchen sein, jedoch nie die finanzielle Grundausstattung ersetzen.Im übrigen aber gilt: Opernhäuser und Theater mit breitgefächertem Repertoire und festen Ensembles sind ebensowenig wie große Museen oder öffentliche Bildungseinrichtungen unter rein marktwirtschaftlichen Bedingungen zu betreiben.Eine Shakespeare- oder Verdi-Inszenierung von künstlerischem Rang ist selbst mit integriertem Souvenirshop ("Othello darf nicht sterben") an der Kasse niemals rentabel.Deshalb gibt es am oft und ahnungslos zitierten Broadway neben den wenigen Musical-Longsellern keine Klassiker und seit Jahren kaum noch Schauspiel-Uraufführungen; auch im Londoner West End wird fast alles, was nicht Musical oder Boulevard ist, von subventionierten Theatern ohne eigenes Risiko übernommen.

Wer New York oder London erwähnt, darf über die Metropolen dann nicht vergessen, daß andere amerikanische oder britische Städte mit dem kulturellen Reichtum vergleichbarer deutscher Kommunen nicht konkurrieren können.Klar ist deshalb, wie nachdrücklich Kunst und im weiteren Sinne Kultur als Phantasiestoff und identitätsstiftendes Ferment einer Gesellschaft der öffentlichen Förderung bedürfen.Viel Geld, das hier investiert wird, fließt ohnehin direkt oder indirekt auch in den Wirtschafts- und Energiehaushalt eines Landes zurück.Doch lehrt das Dekra-Menetekel, daß an Schnittpunkten zwischen dem kulturellen Engagement des Staates und privatwirtschaftlichen Investitionen, schärfere Kriterien und intelligentere Konzepte vonnöten sind.In jedem Einzelfall wäre zu klären, was öffentliche Aufgabe bleiben muß: schon um künstlerische Unabhängigkeit und Risikolust nicht schierem Marketingdenken preiszugeben.Andererseits könnten gerade im Entertainment-Bereich Projekte für Musicals oder Operetten auch Gegenstand der lokalen und regionalen Wirtschaftsförderung sein - und die strapazierten Kulturetats damit entlastet werden.Für produktive Mischformen öffentlicher und privater Finanzierung aber ist unter anderem eine Reform des Stiftungs- und Steuerrechts überfällig.Aufgaben zuhauf: auch für die Bundeskulturpolitik.

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