Zeitung Heute : Lehre light - keine Lösung der Misere

DANIEL WETZEL

Die deutsche Wirtschaft wird den durch Globalisierung und Liberalisierung ausgelösten weltweiten Wettbewerb ohne gut ausgebildete Mitarbeiter nicht bestehen könnenVON DANIEL WETZELHeute ist für einige Tausend Schüler die Schulzeit in Berlin und Brandenburg endgültig vorbei.Heute werden bundesweit tausende Beamte, Stadträte und Politiker ausrücken, um am "Tag des Ausbildungsplatzes" für mehr Lehrstellen zu werben.Während die Gewerkschaften an der Ausbildungsfront eine "Katastrophe" kommen sehen, schlimmer als in allen Jahren zuvor, lassen sich die Wirtschaftsverbände ihren Optimismus nicht trüben: Sie stellen eine Lehrstelle für jeden Bewerber in Aussicht.Daß Lehrstellenversprechen aus der Wirtschaft alles andere als glaubwürdig sind, haben die Ergebnisse der letzten Jahre gezeigt.Doch ebenso unverkennbar ist Besserung in Sicht. In die Lehrstellenpolitik ist jüngst Bewegung gekommen.Das Argument, Azubis seien zu teuer, die Ausbildungsordnungen zu kompliziert, können Unternehmer guten Gewissens kaum mehr ins Feld führen.Bei den Lehrlingsgehältern zeigen die Gewerkschaften immer öfter Gesprächsbereitschaft.Die Forderungen der Wirtschaft hinsichtlich veränderter Berufsschulzeiten wurden in weiten Teilen erfüllt.Zwar bleibt der zweite Berufsschultag bestehen.Der Unterricht kann aber nun über einen längeren Zeitraum so verteilt werden, daß es keine Ausfallzeiten mehr gibt: Der Azubi verbringt wieder mehr Zeit im Betrieb.Gleichzeitig wurden die Lehrinhalte neuen technischen Entwicklungen angepaßt.Allein in diesem Jahr werden vierzehn neue Berufsbilder aus der Taufe gehoben.Wo es finanziell klemmt, hilft der Staat: Mehr als sechzig Prozent aller Lehrstellen werden inzwischen ganz oder teilweise von der öffentlichen Hand finanziert.Bonn stellt in diesem Jahr zweihundert Millionen Mark zur Verfügung, damit im Osten Deutschlands fünfzehntausend neue Lehrstellen geschaffen werden können.Ein Handgeld von zehntausend Mark erhält in Berlin jeder Unternehmer, der erstmals einen Lehrling einstellt. Damit hat die Politik schon viel für bessere Rahmenbedingungen getan - wenn auch angesichts wachsender Schulabgängerzahlen nie genug getan werden kann.Nun liegt es am Verantwortungsbewußtsein - und auch an der Phantasie - der Unternehmen selbst.Was bei gutem Willen möglich ist, zeigt das Beispiel des Berliner Energieversorgers Bewag.Betriebsrat und Vorstand schlossen ein bundesweit vorbildliches "Bündnis für Ausbildung", durch das in diesem Jahr erstmals wieder alle Stifte übernommen werden können.Die Bewag-Beschäftigten verzichteten dabei auf einen Teil ihrer Gehaltserhöhung, die Geschäftsführung setzte im Gegenzug den seit Jahren geltenden Einstellungsstopp für die 70 Azubis außer Kraft. Statt sich an solchen Vorbildern zu orientieren, pochen die Wirtschaftsverbände jedoch weiterhin auf unsinnige Maximalforderungen.Die Flexibilisierung der Berufsschule ist ihnen nicht genug: Der zweite Berufsschultag soll ganz weg.Auch die Forderung nach kürzeren Lehrzeiten wird immer wieder erhoben.Statt der dreijährigen Ausbildung soll die zweijährige zur Norm werden.Daß sich die Kultusministerkonferenz am vergangenen Wochenende solchen Forderungen entgegenstemmte, ist ein Segen.Denn nur einige Unternehmer von alten Schlages sehen die Berufsschule noch als Anhängsel des Betriebs.Wenn von den 12 Stunden Unterricht in der Berufsschule vier der Allgemeinbildung gewidmet sind, ist dies nicht unverhältnismäßig viel.Im Gegenteil: Die Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft ist auf kreative Mitarbeiter mit breiter Bildungsbasis angewiesen.Auch die Industrie braucht angesichts der Produktionmethoden der Zukunft - kleine Stückzahlen, Teamarbeit in eigenverantwortlichen Gruppen - durchaus keine Fachidioten, sondern kommunikationsfähige, fachübergreifend denkende Mitarbeiter.Die "Lehre light" und der "kleine Gesellenbrief" sind jedenfalls keine Antwort auf die Lehrstellenmisere: Wer unterhalb des Facharbeiterniveaus ausgebildet wird, bleibt besonders stark von Arbeitslosigkeit bedroht.Die deutsche Wirtschaft aber wird den durch Globalisierung und Liberalisierung ausgelösten weltweiten Wettbewerb ohne gut ausgebildete Mitarbeiter nicht bestehen können.Wenn der "Tag des Aubildungsplatzes" dazu beiträgt, daß sich jeder Unternehmer die Konsequenzen für seinen eigenen Betrieb bewußt macht, wäre schon viel gewonnen.

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