Zeitung Heute : Lehren aus der Asienkrise

HEIK AFHELDT

Die Krise in der Wachstumsregion Ostasien kam wie aus heiterem Himmel.Der Sturm der Zerstörung zog zuerst über Länder, die endlich erfolgreich aus dem Teufelskreis von Armut und Bevölkerungswachstum ausgebrochen schienen: DAE-Länder (Dynamic Asean Economies) wie Südkorea, Taiwan, Thailand, Indonesien, Malaysia und Vietnam.Das Bild der Zerstörung dort ist deprimierend: Bis zu 60 Prozent der Börsenkapitalisierung aller Aktiengesellschaften sind vernichtet, Immobilienwerte verfallen, Banken liquidiert.Von den einst 400 Großunternehmen Thailands sind heute noch gut drei Dutzend intakt.Die Folgen: Explodierende Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen, politische Instabilität.Diese Länder sind um Jahre zurückgeworfen.

Damit nicht genug.Nun ist auch Japan, das Ankerland der pazifischen Region, jahrelang um seine wirtschaftlichen Erfolge beneidet, in den Strudel der Finanzkrise geraten.Die Inseln des Reichtums, die mit ihrem Kapital und ihrer Expansionslust weit in die gesamte Region hineingewirkt haben.Schlimm für die Tigerländer, denn mehr als 50 Prozent ihres Handels ist innerasiatischer Handel, ein Großteil davon mit Japan.Anfang des Jahres war Japan in den Krisenländern mit mehr als 260 Milliarden US-Dollar engagiert.Nun, nachdem viele der Kredite faul geworden sind, wackelt auch das japanische Bankensystem.Angesehene Investmenthäuser mußten schließen.Die japanische Wirtschaft, die seit Jahren trotz riesiger Konjunkturförderungsprogramme nicht mehr richtig in Fahrt kam, hat trotz kräftigen Drucks vor allem aus Washington, noch immer kein Rezept gegen ihre Probleme gefunden.Auch hier nun ungewohnt hohe Arbeitslosigkeit, Vernichtung von Produktionsvermögen, Bereinigung der Bankenlandschaft und politische Unsicherheiten.

Dabei waren die Sturmzeichen auch in Japan schon länger sichtbar: Die zunehmend unsoliden Finanzierungsstrukturen, die aufgeblähten Bankbilanzen, die Vetternwirtschaft.Aber wie im Falle Indonesiens oder Südkoreas waren die Warnungen des IWF und der Basler BIZ zu leise.Man hatte Angst, eine deutliche Sprache und eine drastische Warnung würden den Sturm erst recht auslösen.Es kam dann ein Orkan.Es war die vergebliche Hoffnung, wenn man das steigende Fieber nicht wahrnehme, käme die Krankheit zum Stillstand.Nun fragen wir uns, ob das pazifische Zeitalter definitiv ein frühes Ende gefunden hat oder ob schon morgen die Sonne wieder aufgeht über Ostasien ?

Fast alles spricht für ein baldiges Ende der Krise.Nicht nur zeigen die Börsen in den letzten Tagen vorsichtige Zuversicht.Auch die Währungen haben sich mit dem Yen etwas stabilisiert.Aber ein weit wichtigerer, weil "fundamentaler" Grund für Zuversicht: Ein großer Teil der Bevölkerung hat in den vergangenen Jahren den Reiz von wachsendem Wohlstand als Belohnung für Leistung entdeckt.Die Mentalitäten sind weithin "calvinistisch"-kapitalistisch.So ist das weltweit nach lohnenden Anlagen suchende Kapital schon wieder dabei, Vertrauen in die "Krisenstaaten" zurückzugewinnen.Die ostasiatischen Märkte bleiben ein enormes Wachstumspotential - vor allem mit China.In nur wenigen tausend Kilometern Entfernung vom neuen Flughafen Hongkongs Chek Lap, lebt gut die Hälfte aller Menschen.Davon sind viele lernbegierig, fleißig und hungrig nach den Segnungen materiellen Wohlstands.Es sind moderne Infrastrukturen entstanden und die politischen Systeme versprechen eine relative Stabilität.Insofern sind die Hilfsmilliarden des IWF keine verlorenen Gelder - anders als in Rußland.Der Sturm der über Ostasien gezogen ist, war ein Schumpeter-Sturm, "a creative gale of destruction".Die Volkswirtschaften haben alle Chancen, bald wieder in der Weltliga aufzutauchen.Das Risiko, daß sich ähnliche Übertreibungen mit anschließenden Kontraktionsprozessen, wiederholen, ist damit nicht beseitigt.Aber es könnte deutlich geringer werden, wenn nun die Alarmglocken früher und lauter geläutet werden und die Hilfspakete nicht so leichthin geschnürt und vergeben werden, daß politisches und unternehmerisches Mißmanagement den Übeltätern nicht mehr weh tut.

Die deutsche Wirtschaft ist gut beraten, sich auch morgen in dieser Region zu engagieren - mit der Tugend eines vorsichtigen Kaufmannes.

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