Zeitung Heute : Lehrreich und amüsant

HELLA KAISER

Wege ins Ungewisse - Reisen in der Frühen NeuzeitVON HELLA KAISER Holger Th.Gräf/Ralf Pröve: Wege ins Ungewisse - Reisen in der Frühen Neuzeit, 1500-1800; S.Fischer Verlag, Frankfurt, 1997, 277 Seiten, 39,80 Mark So ist das heutzutage: Man besteigt ein Flugzeug und plumpst, Stunden später nur, in einem anderen Land wieder heraus.Mit Reisen hat das nichts zu tun.Die Beobachtung sich verändernder Landschaften, die langsame Wahrnehmung ungewohnter Gepflogenheiten, kurz, die allmähliche Annäherung an die Fremde - perdu im Zeitalter der Düsenjets.Immerhin bleibt einem so jene Unbill erspart, über die Reisende in vergangenen Jahrhunderten klagten. Wie kompliziert das Unterwegssein in der frühen Neuzeit war, welche Hindernisse zu überwinden waren und welche Gefahren drohten, das haben Holger Gräf und Ralf Pröve nun in einem Buch unter dem Titel "Wege ins Ungewisse" zusammengetragen. Das gut zweihundertfünfzig Seiten dicke, fein aufgemachte Werk spiegelt die Zeit von 1500 bis 1800, in der Wege oft Sand- oder Schlammpisten waren und die Fahrt in meist überladenen Kutschen zur Tortur wurde.Noch Ende des 19.Jahrhunderts notierte Jens Baggesen während seiner Reise durch Mitteldeutschland: "Da wir uns lieber die Beine als den Hals brechen wollen, wenn das Unglück schon einmal geschehen sollte, wühlen wir uns zu Fuß durch." Viele waren unterwegs in jener Zeit, die meisten wie Handwerksgesellen, Kaufleute oder Militärwerber freilich nicht zu ihrem Vergnügen.Wie konnten sie sich auf die oft viele Wochen, ja Monate dauernden Reisen vorbereiten? Das Zedlersche Universallexikon aus dem 18.Jahrhundert hielt 91 Tips bereit.Zum Beispiel diesen: "Mache dir, vornehmlich, ehe du in ein Land gehst, die Münzen der Provinz bekannt und lasse sie dir von Kaufleuten, die deine guten Freunde sind, erklären.Denn sonst lernst du dieselben gewiß in der Fremde mit deinem Schaden kennen." Das Lexikon empfahl den Kauf von Reisebeschreibungen, die es zu jener Zeit schon in Hülle und Fülle gab."In der wahrhafte Burattin" aus dem Jahre 1687 hatte der Autor Martin Zeiller folgendes zu Deutschland notiert: "In diesem Lande speiset man gut, aber auf teutsche Manier, das heißt, man richtet die Speisen im allgemeinen mit Butter, mit Wein und mit Spezereien an.Man ißt Stockfisch und Kraut in großer Menge, welches eben einem jeden nicht zusagt." Und die Unterkünfte! Wohl dem, der Empfehlungsschreiben mit sich trug oder gar von adligem Stande war und so in luxuriösen Landhäusern oder gar Schlössern absteigen konnte.Weniger gut Betuchte mußten mit "elenden Herbergen" vorliebnehmen und auf Bänken oder Stroh nächtigen. Manches kommt einem erstaunlich bekannt vor.Die Grenz- und Zollformalitäten etwa oder die Tatsache, daß Fremde gern mal übers Ohr gehauen werden.Auf einer Spanienreise Ende des 16.Jahrhunderts benötigten Reisende einen Führer durch unwegsames Gelände und notierten dann: "Jener forderte allerdings für die benötigten zwei Stunden eine Unsumme ..." Aus der Not heraus zahlten sie den überhöhten Preis, sowie man heutzutage vielen Taxifahrern in aller Welt den Touristentribut zollen muß. Das Buch ist eine lehrreiche und überaus amüsante Fundgrube über die Anfänge des Reisens.Und es weckt beim Leser eine ungemeine Lust, mal wieder auf Tour zu gehen.

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