Zeitung Heute : Lehrstoff Kabarett

Richard Rogler als Professor

Gregor F. Lüthy

„Sind wir überhaupt noch dazu in der Lage, alte Gewohnheiten über den Haufen zu werfen?“, fragt Richard Rogler in seinem neuesten Programm „Anfang offen“, mit dem er in diesem Jahr auf Tour ist. Der Meisterkabarettist, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis und gleich dreimal mit dem Kleinkunstpreis Mainz, wird sich diese Frage manchmal auch selbst stellen: vor der Konzeption jedes neuen Programmes.

Denn intelligenter Humor wird nicht aus dem Ärmel geschüttelt, sondern ist harte Arbeit. Und Kabarett muss aktuell sein. Die Arbeit ist nicht mit dem Beginn der Tournee abgeschlossen. Ständig muss Rogler auf gesellschaftliche Ereignisse reagieren, den Politikern aufs Maul schauen und daraus ein eigenständiges, originelles Programm entwickeln. Nichts ist so tödlich für einen Kabarettisten, als alte Witze zum Besten zu geben.

Rogler, der Wahlkölner, dem die Medien „wahres Format, messerscharfes Räsonieren und exzellente Pointen“ attestieren, lehrt seit drei Jahren als Honorarprofessor die Kunst des Kabaretts an der Universität der Künste. Rogler, seit 1974 auf der Bühne, war einer der Pioniere des über die Aneinanderreihung kurzer Sketche hinausgehenden Kabarett-Abends. Seine Programme sind durchdacht und ergeben ein Gesamtbild deutscher Befindlichkeiten. So stellt sein Alter Ego in den Solo-Shows, der Hausmann Camphausen, fest, dass die Jungen von heute vermehrt keinen Sex vor der Ehe wollen. „Wann denn sonst?“, fragt Camphausen. Eine Frage, die in ihrer Kürze zugleich Antwort auf die Ehe-Misere ist.

Rogler bringt einen prallgefüllten Sack voll Lehrstoff mit zu den Seminaren an der Universität. Die Technik der humorvollen Verdichtung und des tiefsinnigen Räsonierens kann gelehrt werden. Esprit, Witz, Intelligenz und vor allem eine gehörige Portion Neugier müssen die angehenden Kabarettisten allerdings selbst mitbringen. Und den Willen, alte Gewohnheiten über den Haufen zu werfen.

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