Lehrstoff : Lyrik statt Miete

Ein Tweet einer jungen Schülerin löst eine Debatte über Sinn und Unsinn von Schulbildung aus. Unser Kolumnist Helmut Schümann fragt sich in einem offenen Brief, was denn das schon wieder für ein Unsinn ist.

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Liebe Naina aus Köln,

du, ich sag einfach mal du, du hast ja nun diesen Tweet abgesetzt: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

Nun, ich bin fast 59, es fehlen nur noch vier Tage dazu, und kann immer noch ’ne Gedichtanalyse schreiben. Leider nicht in vier Sprachen. Mit Steuern kenne ich mich leidlich aus, zumindest zahle ich sie regelmäßig, weiß wofür sie auch gut sind, zum Beispiel für den Schulbau, nerven tun sie trotzdem. Mit Miete kenne ich mich sehr gut aus. Ich bin seit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung, glaube ich, zwölfmal umgezogen, immer in Mietwohnungen und in verschiedenen Städten, Düsseldorf, Bonn, München, Hamburg, Berlin. Da lernt man sich auskennen mit Mieten. Und von Versicherungen weiß ich so viel, wie nötig ist.

Aber wenn ich deinen Tweet so lese, denke ich, dass es umgekehrt doch viel schlimmer wäre. Du bist doch toll ausgebildet. Du kannst vier Sprachen. Du kannst eine Gedichtanalyse schreiben. Du bist sicherlich auf einer sehr guten Schule. Für so eine Schule zahle ich gerne meine Steuern. Und wenn du dann bald Abitur machst, entlässt dich deine Schule gut gerüstet in das Leben. Du kannst stolz sein.

Dann kommen Teile des Lebens, die dir deine Eltern bislang abgenommen haben. Miete, Versicherungen, und wenn du einen Job findest, den du mit deiner Ausbildung bestimmt leicht findest, kommen auch die Steuern dazu. Es gibt nämlich Dinge, die lehrt das Leben ganz von alleine. Man kann ja darüber diskutieren, ob wirklich jeder Lehrstoff sinnvoll ist. Ich zum Beispiel habe über Latein, Mathe und Physik geflucht. Bin aber heute heilfroh, das alles gelernt zu haben. Na ja, Physik mal ausgenommen. Den Spruch, dass wir nicht für die Schule lernen, sondern fürs Leben, hast du sicher schon gehört. Mit diesem altbackenen Satz hat man schon uns genervt, aber falsch muss er trotzdem nicht sein. Hast du dir mal überlegt, dass du, gerade weil du ’ne Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben kannst, gar kein Problem hast, Miete, Versicherung und Steuer zu lernen? Sicherlich sind heute viele Unterrichtsstoffe hinzugekommen. Aber das hast du ja nicht beklagt. Ich bin sicher, dass du hervorragend mit einem Computer umgehen kannst, mit einem iPhone, und dass du weißt, was Facebook ist und was du mit Google machen kannst. Zum Beispiel Mietrecht, Steuerrecht und Versicherungsmodalitäten nachschlagen. Und nachschauen, was Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ist. Herzlichst, Helmut Schümann

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