Zeitung Heute : Leichter lernen mit dem Computer

Simone Leinkauf

Überweisungen tätigen, im Internet Literatur bestellen, zu beliebigen Themen recherchieren oder mit wichtigen Institutionen in Kontakt treten: In der Berufswelt nimmt der Computer schon seit Jahren eine dominierende Rolle ein. Zu Hause wird er zum Spielen und zur Unterhaltung, zur schnellen Informationsgewinnung und nicht zuletzt auch zum Lernen benutzt. Gerade Kinder - von Natur aus neugierig und lernbereit - finden sich mit Maus und Internet schnell zurecht. Für die heutige Jugend ist der Computer längst ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, auch wenn Eltern und Lehrer mit der neuen Art, wie Kinder spielen und lernen, mitunter ihre Schwierigkeiten haben. Dennoch - immer mehr Eltern greifen nach Lernsoftware für den Nachmittagsbereich, in der Hoffnung, sich auf diese Weise den Nachhilfelehrer zu ersparen. Schließlich sind die Versprechungen, die von den Lernsoftware-Herstellern gegeben werden, ausgesprochen verlockend. Vom spielerischen Lernen ist da die Rede, von Leistungssteigerungen ganz nebenbei und besseren Noten in den Zeugnissen. Das sind Argumente, die kurz vor und nach Vergabe der Halbjahreszeugnisse wieder stark ins Gewicht fallen. Denn gerade jetzt wird vielen Schülern und Eltern schmerzhaft klar, dass in manchem Fach doch mehr getan werden sollte, als das im vergangenen Halbjahr der Fall war.

Beim Kauf der Software ist allerdings Vorsicht geboten. Manche Lernprogramme erweisen sich schlichtweg als Mogelpackung, weil der spielerische Rahmen lediglich die süßliche Verpackung für den ach so bitteren, weil häufig traditionell gestrickten Lerninhalt bildet. Und auch bei didaktisch gut gemachter Software muss man sich klar darüber sein, wo die Grenzen des Angebotes liegen: Gute Lernsoftware fördert die Kinder in ihren Interessen und verbessert vielleicht auch die Noten. Dennoch ist sie kein Garant dafür, dass Kinder Spaß am Lernen entwickeln. Und wenn ein Kind sich nicht gerne mit dem Computer beschäftigt, dann wird auch die beste Lernsoftware das nicht ändern. Hinzu kommt, dass die Einsatzmöglichkeiten und Lerneffekte sich abhängig von der Zielgruppe deutlich unterscheiden: Lernsoftware für Grundschulkinder leistet anderes, als die Lernsoftware für den Sekundarbereich I und II.

Grundsätzlich gilt, dass der Computer im Klassenzimmer den Lehrer weder ersetzen kann noch soll: "Der PC kann aber eine echte Bereicherung und Verbesserung im Unterricht sein", stellt in diesem Zusammenhang Sabine Hamann fest, "vor allem wenn er bei Themen eingesetzt wird, die ansonsten nur schwer darzustellen sind." Die Sonderschullehrerin und Autorin der beiden Bücher "Der Internet-Guide für Eltern und Kids" und "Wir bauen uns eine Homepage" (Beust-Verlag) arbeitet seit Jahren in Grund- und Sonderschulklassen mit dem Computer. Die Vorteile der neuen Medien sind für sie ebenso klar wie ihre Grenzen: Interaktivität, die Verbindung von Wort, Sprache, Bild und Schrift und die Möglichkeit, jedes Kind nach seinem individuellen Kenntnisstand zu fördern, lassen sich mit keinem anderen Medium so gut verbinden.

Eine Notenverbesserung durch die Arbeit am Computer hält Hamann durchaus für realistisch, vorausgesetzt, das Kind hat überhaupt Lust, am Bildschirm zu arbeiten: "Dann kann die Übung und Vertiefung eines Themas am Computer mit geeigneter Lernsoftware durchaus zum Erfolg führen." Welche Software für die Übungsstunden am Nachmittag jedoch die richtige ist, hängt ganz vom Kind ab: Manche Kinder arbeiten hervorragend mit einer billigen Software, mit der andere Kinder überhaupt nichts anfangen können. Im Grunde ist das so wie mit Büchern - der eine liest Harry Potter, der andere Micky Maus. Freude am Lesen haben sie beide.

Auch Barbara Kochan, Professorin für Grundschulpädagogik an der Technischen Universität Berlin (TU), zuckt mit den Schultern, wenn man sie nach geeigneter Lernsoftware für Schüler fragt. Ihrer Meinung nach bieten sich die meisten Lernprogramme nur zur Übung eines bekannten Stoffes an, nicht aber, um neue Themen zu erarbeiten und die Zusammenhänge zu verstehen - eine bedeutsame Einschränkung somit. "Entscheidend für die Qualität eines Lernprogrammes", so Kochan, "ist der Umgang mit den Fehlern." Für das vor zwei Jahren neu auf den Markt gekommene Deutsch- und Matheprogramm "Lollipop" (Cornelsen), für das Kochan den deutsch-didaktischen Hintergrund mit erarbeitet hat, wurde auf Erfahrungen aus der Computerlernwerkstatt der TU zurückgegriffen. Dort beschäftigt man sich unter der Leitung von Elke Schröter seit 20 Jahren mit der Fehleranalyse lernender Kinder.

Die Zukunft guter Lernsoftware liegt für Kochan in der Möglichkeit, dass Kinder Werkzeuge für ein forschendes Lernen an die Hand bekommen und sich damit schwierigere Themen selbstständig erarbeiten können. Bislang ist das bei der Software für Grundschüler - sieht man einmal von dem ausgesprochen innovativen Lollipop-Programm mit Spracherkennung ab -praktisch nicht der Fall. Bei den Programmen für die beiden Sekundarstufen sieht das anders aus. Da gibt es Software zu fast jedem schulstoffrelevanten Thema und darunter auch Programme, von deren Umsetzung selbst die Erwachsenen noch was lernen können. Einig sind sich die Experten, dass der Computer einen individuellen Zugang zum Lernstoff ermöglicht und sich dem Tempo des Lernenden anpasst. Das kann, muss sich aber nicht in besseren Noten zum Jahresende hin zeigen. Grundsätzlich sollten Eltern davon ausgehen, dass eine Notenverbesserung nur dann möglich ist, wenn der Lernende den Aufgaben - ob am Computer oder auf dem Blatt - Zeit widmet. Am meisten bleibt bei dem hängen, der mit Freude lernt. Und genau dabei kann der Computer Hilfestellung leisten: Manch ein Kind, das nach dem Lehrbuch nur mit äußerstem Widerwillen greift, setzt sich gerne an die gleichen Übungsaufgaben, wenn diese in einem ansprechenden interaktiven Kleid präsentiert werden.

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