Zeitung Heute : Leichtfüßiges kosten

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Er sagte nicht: „in der Sauna“ und auch nicht: „auf der Rinderweide“. Nein: „Ich bin nur ein einfacher, demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn!“, sprach Kardinal Ratzinger. So hat er sich bis zum Papst hochgeackert.

Wein ist halt eine besondere Flüssigkeit. Schon Jesus verwandelte Wasser in Wein und nicht in Bier. Schade eigentlich. Aber dennoch kein schlechter Trick.

Wein gilt als glamouröser als Bier. Wer etwas von Wein versteht, gehört nicht zur Unterschicht. Vorsorglich bin ich zu einer Weinverkostung gepilgert. M. hatte die Nummer drei aus der Branche eingeladen, direkt nach Ratzinger und Jesus. Sein Name: Horst Hummel. Ein schwäbischer Winzer, der sich in Ungarn niedergelassen hat.

Man lernt viel auf so einer Weinprobe: Ich dachte bisher, manche Weine schmecken sauer, andere süß. Von einigen kriegt man Kopfschmerzen. Und dann gibt es Weine, die trinkt man weg wie Brunnenwasser und merkt gar nicht, dass man nur noch lallt. Solche Weine hießen früher in Basel „süffig“. Abgeleitet von „Suff“. Horst Hummel lehrt ein gepflegteres Vokabular: Er habe „keinen großen Körper“, sagte er etwa über einen Wein. Über einen weiteren schwärmte er: „ein Wein, der sich ernst nimmt“. Mir schmeckten eigentlich alle gut. Obwohl ich sonst ja Biere präferiere. Meine Mutter schwörte auf günstigen Rotwein. Er roch wie Essigreiniger. Ich griff schon früh zur „Hopfenperle“ aus der Brauerei Feldschlösschen. Ein Bier, das sich ernst nimmt.

Aber nichts gegen Wein! Wir kosteten und kosteten. Zum Beispiel den Tramini 2004, der im Beipackzettel als „leichtfüßig“ beschrieben wird. Ich fand ihn eher drehwurmfördernd. Wir wurden immer fröhlicher: „Ungarischer Wein, komm schenk mir ein …!“. Da sang ja schon Udo Jürgens drüber, nicht wahr? Vielleicht sollte ich Stammkunde bei Horst Hummel werden? Überhaupt Ungarn: ein großartiges Land! Ohne die Ungarn kein „Wunder von Bern“.

Leichtfüßige Weine aus Ungarn: Horst Hummel, www.weingut-hummel.com.

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