Zeitung Heute : Leiden am Verfahren

Vor Gericht fühlen sich Geschädigte oft allein und hilflos

-

Opfer von Gewaltverbrechen sind in den meisten Fällen nicht an der Bestrafung ihres Peinigers interessiert, sondern daran, den entstandenen Schaden wieder gutgemacht zu bekommen. Im deutschen Rechtssystem wird jedoch der Bestrafung des Täters die größte Bedeutung beigemessen. „Die Opfer fühlen sich vor Gericht oft verlassen, vernachlässigt, allein“, sagt Helmut K. Rüster, Sprecher der Opferschutzorganisation Weißer Ring. „Nicht wenige haben sogar bisweilen das Gefühl, selbst angeklagt zu sein.“

Erst vor etwa 30 Jahren wurde damit begonnen, sich auch um die Belange der Geschädigten zu kümmern. Seit 1976 gibt es die Möglichkeit einer Opferentschädigung – sie wird jedoch nur in zehn Prozent der Fälle wahrgenommen. Das liege auch daran, dass die Opfer in Prozessen „nicht als Subjekt, sondern als Objekt“ behandelt würden, sagt Rüster. „Es passiert auch immer wieder, dass das Opfer die Vernehmung nervlich nicht durchsteht und der Prozess eingestellt wird.“

Mit der geplanten Verbesserung des Opferschutzes soll sich das ändern. Vor allem die Erleichterung der Videobefragung findet Zuspruch – auch in der Justiz. „Das bietet eine große Schutzmöglichkeit und lässt sich rückhaltlos als gut bezeichnen“, sagt Raimund Weyand, der Vorsitzende des Landesverbandes Saarland des Deutschen Richterbundes.

Außerdem soll die Aussage aufgezeichnet werden – so müssen die Opfer sie nicht immer wieder vortragen und haben nicht das Gefühl, „dass ihre Glaubwürdigkeit bezweifelt wird“, sagt Rüster. „Minimale Unterschiede in den Aussagen sind zudem ein gefundenes Fressen für die Verteidigung.“ Der Anwalt kann bei dieser Befragungsweise die Reaktion des Zeugen jedoch nicht mehr so gut beurteilen. Weyand: „Man sieht kaum, ob jemand rot anläuft oder unsicher wird.“ Im Saarland wird bereits eine angepasste Vernehmungstechnik gelehrt. chh

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben