Zeitung Heute : Leidenschaftlich, selbstzerfleischend

DOROTHEA VON HANTELMANN

Martin Dislers letzte Aquarelle - Ausstellung im Haus am WaldseeDOROTHEA VON HANTELMANNMan muß nicht unbedingt das Pendel schwingen, es genügt die esoterischen Antennen auf Empfang zu stellen, um sich Martin Dislers individuellen Mythologien zu nähern.Hier ist ein Künstler dem Versuch erlegen, kurz vor seinem überraschenden Tod das ganze Panorama seines Lebens in einer Werkgruppe zu bündeln.Disler gehörte zu der Generation der figurativen Neoexpressionisten.Er wurde Mitte der siebziger Jahre bekannt durch seine gigantischen Ölgemälde - 1981 malte er in vier Nächten ein 141 Meter langes und 4,40 Meter breites Panorama-Bild "Die Umgebung der Liebe". Aus dem wilden Disler wurde ein poetischer Zeichner, dessen Bilder mehr von C.G.Jung und Rudolf Steiner verraten als von den Malereiorgien der achtziger Jahre.Wie einige seiner damaligen Kollegen wandte er sich dem kleinen Format und privatem Medium zu, wenngleich er den Hang zum Gigantischen nicht ganz aufgab: Er beschloß eine Werkgruppe von 999 Aquarellen zu malen.1996 entstehen in dichter Folge etwa 300 Arbeiten, dann stirbt er plötzlich mit 47 Jahren an den Folgen eines Hirnschlags. Dieses Konvolut einer Selbstbespiegelung wird nun gezeigt.Die kleinformatigen, schnell gezeichneten Aquarelle sind angeordnet wie ein Filmband und erscheinen wie tagebuchartige Skizzen eines malenden Dichters oder dichtenden Malers.Die wässrigen Farben zerfließen ineinander wie die einzelnen Motive seiner symbolgeladenen Ikonographie.Thema ist nichts geringeres als das Leben und der Tod - das eine als eine lange Reise zu dem anderen - von der Schöpfungsgeschichte bis zum Höllensturz, vom Eisprung bis zum Sarggestell. Die Aquarelle tragen keine Titel, einige jedoch Aufschriften aus den esoterischen Gedichten des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa, mit dem sich Disler geradezu identifizierte.Dessen Grundthema war der Tod, versinnbildlicht durch schattenhafte Existenzen und Metaphern der Verwandlung.Angesichts von Arbeiten wie dem "Rasthaus zum Entsetzen" oder einem zerfurchten Selbstbildnis mit der Aufschrift "Hirnskulptur und Augskulptur" ist selbst der überzeugteste Rationalist geneigt zu glauben, der Künstler hätte hier sein bevorstehendes Ende vorweggenommen. Disler hatte auf seinem Schreibtisch einen Spiegel stehen.Er betrieb eine bohrende Analyse seiner eigenen Physiognomie, die sich in seismographischen Zeichnungen einer Vielzahl von Existenzen niederschlägt."Ich ist ein anderer" - Rimbaud erscheint als weiterer Seelenverwandter. Der Autodidakt Martin Disler lebte zurückgezogen in der Schweiz und arbeitete wie ein Besessener: leidenschaftlich, selbstzerfleischend und enthusiastisch."Ich würde eher ins Papier beissen, als aufhören zu zeichnen", schrieb er 1982.Mit den Jahren wurde sein Kunstverständnis immer existentieller.Siebzehn Tage vor seinem Tod schrieb er: "Ich aquarelliere - also bin ich." Das liefert Stoff für Mythos und Pathos, spricht aber auch von einem schonungslos konsequenten Verständnis der eigenen Arbeit.Disler hat sich daran verausgabt - oder zuviel Rauschpilze gegessen. Haus am Waldsee, Argentinische Allee 20, bis 5.April; Dienstag bis Sonntag 12-20 Uhr.Katalog 38 DM.

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