Zeitung Heute : Leidenschaftlicher Querdenker

Aus dem Lebenswerk Friedrich von Bodelschwinghs ist das größte diakonische Unternehmen Europas geworden

Hans-Walter Schmuhl

Friedrich v. Bodelschwingh gehört nicht eigentlich zu den Gründervätern der evangelischen Diakonie, aber er hat ihr wie kaum ein anderer seinen Stempel aufgeprägt. Man kann ihn, um eine auf Otto v. Bismarck gemünzte Interpretationsfigur aufzugreifen, als einen „weißen Revolutionär“ bezeichnen, der dem Projekt der Moderne mit fundamentaler Kritik begegnete, sich jedoch in dem Bemühen, die zerstörerischen Folgen von Industrialisierung und Urbanisierung für Ständegesellschaft und Obrigkeitsstaat, Christentum und Kirche aufzufangen, moderner Mittel und Möglichkeiten bediente und so zum Wegbereiter einer Moderne mit menschlichem Antlitz wurde.

Es gab kaum einen unwahrscheinlicheren Kandidaten für die Rolle des „weißen Revolutionärs“ als Friedrich v. Bodelschwingh. Er stammte aus einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, das seit Generationen Offiziere und Beamte für den preußischen Staatsdienst stellte. Der Vater, Ernst v. Bodelschwingh, war bei der Geburt seines jüngsten Sohnes im Jahre 1831 Landrat des Kreises Tecklenburg, 1842 wurde er als Minister nach Berlin berufen und stieg innerhalb weniger Jahre zum ranghöchsten Beamten des preußischen Staates auf. Als Gymnasiast bewegte sich Friedrich v. Bodelschwingh daher in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und wurde sogar als Spielgefährte des Kronprinzen Friedrich Wilhelm ausgewählt, der später als 99-Tage-Kaiser Friedrich III. in die Geschichte einging.

Am Ende der Jugendzeit Friedrich v. Bodelschwinghs stand das Fanal der Revolution von 1848, die der Siebzehnjährige in ihrem Brennpunkt Berlin aus nächster Nähe miterlebte. Für die Familie waren die dramatischen Geschehnisse von einschneidender Bedeutung, führten sie doch zum Sturz Ernst v. Bodelschwinghs. Nach dem Abitur erlernte Friedrich den Beruf eines Gutsverwalters. Für einen Adligen, der nicht darauf hoffen konnte Land zu erben, ein standesgemäßer Beruf. In Gramenz in Hinterpommern, wo er nach abgeschlossener Ausbildung ein Gut verwaltete, wurde er mit dem Elend der Landarbeiter konfrontiert und nahm sich ihrer in patriarchalischer Fürsorglichkeit an. 1854 fiel die Entscheidung für das Theologiestudium. Sieben Semester lang studierte er in Basel, Erlangen und Berlin, wobei sich rasch zeigte, dass die theologische Wissenschaft seine Sache nicht war – ihm ging es vor allem darum, die im Elternhaus eingeübte erweckliche Frömmigkeit zu vertiefen.

Seinen ursprünglichen Plan, als Missionar nach Indien zu gehen, gab Bodelschwingh auf. Stattdessen übernahm er 1858 das Amt eines Predigers der Evangelischen Gemeinde Augsburger Konfession in Paris. Hier kümmerte er sich um die deutschen „Gastarbeiter“, die zu den Ärmsten der Armen in den Slums der französischen Hauptstadt gehörten. Auf einer alten Abraumhalde – la colline verte, das grüne Hügelchen genannt – schuf Bodelschwingh eine kleine christliche Kolonie für deutsche Emigranten. 1864 wurde Bodelschwingh Pastor in Dellwig bei Unna, 1872 folgte er einem Ruf aus Bielefeld und übernahm die Leitung der 1867 gegründeten „Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens“ und des 1869 ins Leben gerufenen Bielefelder Diakonissenhauses.

Bodelschwingh war mithin nicht, wie immer wieder irrtümlich behauptet wird, der Gründer dieser beiden Einrichtungen. Seine Berufung bedeutete jedoch einen Wendepunkt in ihrer Entwicklung. Das neue, 1873 fertiggestellte Pflegehaus für „Epileptiker“ – auf Bodelschwinghs Anregung hin erhielt es den Namen „Bethel“, der später auf die ganze Ortschaft überging – sollte ursprünglich nicht mehr als 150 Kranke aufnehmen. Bei Bodelschwinghs Tod im Jahre 1910 war daraus jedoch eine Kleinstadt von über 4000 Einwohnern mit dem Status einer selbstständigen Kirchen- und Ortsgemeinde entstanden. In mehreren Dutzend Pflege- und Krankenanstalten wurden über 2000 „Pfleglinge“ betreut. Etwa 1250 Diakonissen und 450 Diakone aus zwei Mutterhäusern, der Diakonissenanstalt Sarepta und der Diakonenanstalt Nazareth, die ebenfalls am Ort ihren Sitz hatten, taten in Bethel – und weit darüber hinaus – Dienst. Die Anstaltsortschaft verfügte über eine eigene kommunale Infrastruktur, Handwerksbetriebe, ein Kaufhaus, eine Kirche, einen Friedhof, Schulen, Ausbildungsstätten für angehende Pastoren und war Sitz der Evangelischen Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika. Hinzu kamen Zweiganstalten in der Senne und im Diepholzer Moor, außerdem die Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Die Arbeitsfelder hatten sich seit den Anfängen enorm ausgeweitet und aufgefächert. Zu der Arbeit mit Epilepsiekranken waren in rascher Folge die Fürsorge für psychisch Kranke, Alkoholkranke, Nervöse und Neurastheniker, geistig Behinderte und Tuberkulosekranke hinzugekommen. Mit der Wandererfürsorge – 1882 hatte Bodelschwingh in der Senne die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf gegründet, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland – war ein völlig neuartiges Arbeitsfeld eröffnet worden. 1899 hatten die Anstalten schließlich auch Aufgaben im Bereich der Fürsorgeerziehung übernommen.

Dieser erstaunliche Expansionsprozess muss vor dem Hintergrund des beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Wandels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Industrialisierung, Binnenwanderung und Verstädterung führten vermehrt zur Aussonderung von Menschen, die aufgrund von Krankheit, Behinderung oder sozialer Marginalisierung dem Konkurrenzdruck der modernen Gesellschaft nicht gewachsen waren. Der erst im Entstehen begriffene Sozialstaat war von dieser Zusammenballung von sozialen Problemlagen ebenso überfordert wie die überkommenen Netzwerke der Familie, Nachbarschaft, Gemeinde oder Stadt. Neue Lösungen mussten gefunden werden.

Bodelschwingh stellte sich der Herausforderung der Moderne – der er mit tiefer Skepsis gegenüberstand. Bethel verstand sich jahrzehntelang als christlicher Gegenentwurf zur modernen Welt. Die „Stadt auf dem Berge“ sollte beispielhaft vor Augen führen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die Kräfte der inneren Mission die Entchristlichung überwunden und Familie, Kirche und politisches Gemeinwesen wieder mit dem Geist des Evangeliums durchdrungen hatten.

Wäre das alles gewesen, dann wären Leben und Werk Friedrich v. Bodelschwinghs heute wohl kaum mehr als eine Fußnote der Geschichte, ein Kuriosum, das irgendwo im Dunstkreis von Freikirche, Sekte und Lebensreformbewegung einzuordnen wäre. Stattdessen ist aus Bodelschwinghs Lebenswerk das größte diakonische Unternehmen Europas geworden. Mehr noch: Bodelschwinghs Werk hat entscheidend dazu beigetragen, dass die evangelische Diakonie schon in den 1920er-Jahren einen festen Platz im Weimarer Wohlfahrtsstaat fand und nach 1945 zu einem Eckpfeiler des bundesdeutschen Sozialstaats geworden ist – vielleicht einer der wenigen Pfeiler im System sozialer Sicherung, die bei dem in unserer Zeit sich abzeichnenden grundlegenden Ab- und Umbau des Sozialstaates Bestand haben werden.

Bodelschwingh hat diese Entwicklung noch nicht absehen können, und doch hat er die Weichen dazu gestellt. Er war dynamisch, energisch, risikobereit, kreativ, mit wachem Gespür für unkonventionelle Lösungen. Bodelschwingh war nicht nur eine charismatische Persönlichkeit, er war auch als Manager und Fund- raiser ein Naturtalent. Entscheidend dafür, dass er immer wieder zu überraschenden, mit überkommenen Normen und Formen brechenden, zukunftsweisenden Wendungen fähig war, war jedoch etwas anderes: Er konnte nicht wegschauen. Buchstäblich bis in seine letzten Lebenstage hinein hat er sich von der Begegnung mit menschlichem Elend existentiell anrühren lassen, ob es sich nun um pommersche Landarbeiter, hessische Straßenkinder in Paris, Epilepsiekranke, Wanderarme oder hungernde Afrikaner handelte. Wurde sein Blick auf eine soziale Notlage gelenkt, konnte er, eingebunden in seine Welt erweckter Frömmigkeit, nicht anders, als sofort mit äußerster Entschlossenheit zu handeln. Alles andere – Konventionen und Doktrinen, auch Staatsräson und kirchliche Ordnung – hatte dahinter zurückzustehen. Diese Leidenschaft befähigte Bodelschwingh zum Querdenken, zur flexiblen Reaktion auf die Zeitverhältnisse. Das macht seine bleibende Größe aus.

Hans-Walter Schmuhl ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld. 2005 erschien seine Biografie über Friedrich v. Bodelschwingh in der Reihe „rowohlts monographien“.

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