Zeitung Heute : Leipziger Buchmesse 2001: Bananen in Zartbitterschokolade

Helmut Böttiger

Am schönsten war es in der "Varadero-Speisenbar". Wenn man das Schaufenster aus grünwuchernden Farnen und Meeresschildkröten mit einer schwarzen Lamellenverkleidung hinter sich gelassen hatte, war alles fast schon tropisch: 1977 wurde das Lokal vom kubanischen Botschafter als "kubanische Nationalitätengaststätte" eröffnet; die original Schwarzweißfotos von fröhlichen kubanischen Jungen Pionieren hingen noch genauso an der Wand wie die große Palme, die magisch von innen her leuchtete. Und die unnatürlichen Farben des Sozialismus hatten ihre Spuren auf der Speisekarte hinterlassen, wo sich Grünliches und Bläuliches herauswusch; auf der Rückseite war das "Barfußgässchen" abgebildet: Es regnet gerade in Leipzig, Pfützen schillern vielversprechend zwischen den Pflastersteinen, und ein einsamer Trabant steht verloren am Rand.

So hätte eine geglückte Vereinigung aussehen können. Geduldig erklärt die Kellnerin, was es mit dem "Sofrito" und den neu hinzugekommenen Passionsfruchtherzen auf sich hat. In Leipzig konnte man, rings um das "Messehaus am Markt", während der ersten Frühjahrsbuchmessen nach 1989 dieses charakteristische Flirren ausmachen, das die Restbestände sozialistischer Alltagsästhetik mit der Suche nach einem zeitgenössischen Bohèmiendasein, nach einer neuen urbanen Szene verband; und die Konzentration der Messe auf die überschaubaren Räumlichkeiten direkt am Marktplatz, wo unverhoffte Begegnungen unvermeidlich waren, schufen eine merkwürdig heimelige und überhitzte Atmosphäre.

Weil immer so viele Leute da waren, sagte man während der gesamten neunziger Jahre immer noch "Messe" dazu. Schon 1991 wussten zwar alle Verlage, dass diese Messe nach dem Ende der DDR ökonomisch völlig sinnlos war, aber sie kamen alle wieder, damit niemand sagen konnte, sie seien nicht dagewesen. Die legendäre Buchhändlerin von der Ostseeküste, die nie zur Frankfurter Buchmesse fährt, aber einen Tag lang nach Leipzig, führten immer weniger ernsthaft im Mund. Der Reiz Leipzigs liegt woanders. Die Buchmesse behielt unter der Hand ihren Charakter einer Informationsbörse und wurde zur Schnittstelle zwischen DDR- und Westliteratur.

Da es immer weniger Geschäfte zu tätigen gab, wurden die Veranstaltungen immer zahlreicher. In Erinnerung blieb, wie sich Anfang der neunziger Jahre eine Veranstaltung des kleinen Berliner Alexander-Verlags, die für das behagliche "Berliner Zimmer" im Messehaus vorgesehen war, zu einer Großdemonstration entwickelte: Dabei ging es nur darum, dass Heiner Müller ein paar Gedichte vortragen sollte, die man schon kannte, und Gregor Gysi etwas Ähnliches. Als die Masse die immer größer werdenden Ausweichräume immer wieder stürmte, verhandelte man mit der "Leipzig City Jazz Band", die gerade auf dem Marktplatz spielte, und durfte ihre Anlage benutzen. Gysi skandierte seine Bundestagsrede zum Golfkrieg mitsamt den Zwischenrufen der CDU: ein Poem, das mit den Müllerschen in einen eigenartigen Dialog geriet.

Und dass mehr als hundert überwiegend junge Zuhörer in das "Kulturhaus Steinstraße" kamen, um eine eher entlegene Veranstaltung mit Gerhard Wolf und Carlfriedrich Claus zu besuchen, war ein Normalfall: Unter roten FDJ-Buchstaben "Dem Feind keine Chance" lauschte man andächtig den langsam Patina ansetzenden Experimenten der fünfziger und sechziger Jahre.

Während man sich in Ost-Berlin eher abschottete, war in Leipzig sehr früh eine Lebensgier zu spüren, vielleicht gerade weil das gesamte Passagennetz der Innenstadt, das die Messehöfe und Kaufmannensembles miteinander verband, aufgedröselt und in seine Einzelbestandteile zerlegt wurde; überall hingen blaue und grüne Plastikplanen über dem Bröckelnden und allzu grob Verputzten.

Das wichtigste Lokal hieß eine Zeitlang "St. Petersburg", und die Parole, die Ruinen auszunutzen, solange sie noch standen. Im Zentrum stand eine poröse Wand neben der Theke, vor der die Leute dicht gedrängt standen: Ein Diaprojektor stieß in rhythmischen Zuckungen russische Revolutionsbilder an die Wand, Kyrillisches und Winterliches, ein Lebensgefühl, das sich zwischen Ironischem und Existenziellem nicht entscheiden konnte - und an der Seite war in kühn geschwungener Handschrift, designerprobt, das Topangebot zu lesen: "Baron Rothschild A. C. Pauillac - Premier Grand Cru - 0,75 - 213.-", und darunter hakte der Osten nach: "Prinz zur Lippe, Schloß Proschwitz / Meißen, 0,7 l, 29.-".

Für eine Lesung Durs Grünbeins hatte man 1993 ein Plakat erstellt, das ihn mit sibirischer Pelzmütze und einem starren, eisigen Blick unter einem verwegen klobigen Brillengestell zeigte. Sie fand im "Filmcafé Intershop" statt, das vor kurzem noch ein Intershop gewesen war und an der Tür das Originalschild mit den Öffnungszeiten ausstellte - sozialistische Patina, Erinnerungen an den devisenträchtigen Jacobs-Kaffee und die Jeansmarken. Der Geräuschpegel aus dem Hinterzimmer, wo früher die Spirituosen lagerten, stieg immer höher, die Jeunesse dorée erfreute sich in den neu eroberten Räumen am sächsischen Schwarzbier - "Raus aus dem Kontext!", forderte Grünbein, "ich mag keinen Ostler mehr jammern hören!"

In Leipzig fand immer alles auf engstem Raum statt, nichts konnte sich zerlaufen, und man war auf die paar einschlägigen gastronomischen Treffpunkte angewiesen - ein unerwarteter dialektischer Ertrag der Grünbein-Zeile "provinziell bis zum Gaumen".

Immer, wenn die Leipziger irgendwo nicht reinkommen, rufen sie: "Wir sind das Volk!" Überall bilden sich lange Schlangen, die sich bis hinunter in die Straßenzüge fortsetzen - in den gewundenen, filigranen Treppenaufgängen der alten Bürgerhäuser oder vor dem unzugänglichen Schlund im Aufgang zum Festsaal des Alten Rathauses, das bis zur Wende noch Schauplatz der taktierenden Eröffnungsreden des stellvertretenden Ministers für Kultur, Klaus Höpcke, gewesen war.

Günter Grass suchte sich 1992 das schwierig instandzusetzende Palais "Specks Hof" dazu aus, seine "Unkenrufe" vorzustellen. Die Zuhörer drängten sich massenwirksam in und um den Veranstaltungsraum und legten so um die Literatur eine vergessen geglaubte Aura - ähnlich wie jene, die früher bei den Lesungen im Alten Rathaus unter den Augen der DDR-Oberen herrschte: Da zog immer so etwas wie ein Hauch von Subversion durch den Raum, da gab es vibrierende Cluster aus lauter Zwischentönen, und das Literarische wurde aufgeladen mit immenser Bedeutsamkeit.

Auch Christa Wolf nutzte 1994 den suggestiven Rahmen der Leipziger Buchmesse, um dort ihren 65. Geburtstag zu feiern. Sie wählte die Deutsche Bücherei, die 350 Plätze bietet, und schon eine Stunde vorher gab es Szenen, die Eingeweihte nur mit dem Sturm auf das Winterpalais vergleichen wollten; viele der mitgebrachten Blumensträuße wurden zerquetscht. Dass Christa Wolf mit einem Megaphon ans Fenster trat und um Verständnis bat, ging im Gemenge des Volkes draußen fast unter, aber wer es geschafft hatte, durchzudringen, den empfing eine weihevolle Atmosphäre mit alten Schreibpulten und Kirchengestühl, ältere Frauen fragten mit zitternder Stimme: "Wo wird sie sitzen?", und als Christa Wolf den Saal betrat, stimmten die Anwesenden einen Choral an, der wie von Johann Sebastian Bach klang: "Happy Birthday to you". Die "Leipziger Volkszeitung" sprach von Christa Wolf als "primadonna dolorosa" der DDR, und auf dem Empfang für sie am Nachmittag gab es kleine Pralinen mit den Initialen "CW", in Zartbitterschokolade. Drinnen waren Bananen.

Was diese Welt im Innersten zusammenhielt, hieß "Sprelacart". Sprelacart ist der Inbegriff des DDR-Gefühls, ein klebriger Geruch in Nase und Rachen, die Luft voll Grau und vergilbten Sperrholzfurnieren. Sprelacart ist, wie das VEB Bibliographische Institut in Leipzig 1981 auswies, eine in der DDR entwickelte "Kunstharzpressmasse", und es verbindet Material und Design, Schreibtischoberflächen und Schrankwände zu einer unverwechselbaren ästhetischen Einheit.

Deswegen schien es konsequent zu sein, die Messe endlich hinaus in die Steppen von Neuwiederitzsch zu verlagern. Die Straßenbahn musste dazu erstmal die langen schlotigen Industrielandschaften der Leipziger Vororte durchmessen, bevor etwas auftaucht, das außerplanetarisch anmutet; an Platz und Licht, an Glas und Stahl ist hier kein Mangel. Die "Neue Messe", mit einer überdimensionalen Glashalle als Zentrum, fingiert gegenüber Frankfurt die Zukunft. Hier sollte der Westen mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden. Doch den Westen, der gemeint war, gab es ja schon gar nicht mehr.

"Überholen, ohne einzuholen", die alte Devise des Ostens, stand Pate, als die Buchmesse im Jahr 1998 zum erstenmal da draußen stattfand. Wenn man mit der Straßenbahn in den leeren Weiten antuckerte und an einem land-art-artigen Teich vorbeiging, der Großzügigkeit markierte, sah man diverse Schulklassen lagern und in die Sonne blinzeln: Sie hatten für diesen Tag frei bekommen, um die Besucherzahlen für die Messe zu steigern. Eine einzige der riesigen Hallen würde locker reichen, aber man verteilt die schütteren Stände großflächig im Raum, so dass sie wie Potemkinsche Dörfer wirken: An ihren Rückseiten eröffnen sich fußballfeldgroße Brachen. Am Abend dann, gegen 18 Uhr, hat man endlich wieder das Gefühl, wie im alten Messehaus am Markt in der Masse zu sein: Man wartet auf die Straßenbahnen, die dann doch viel zu klein und zu selten sind, um die Messebesucher aufzunehmen.

Doch die Leipziger sind neugierig. Etwas vom intimen Charakter dieser Literaturtage, die die Offiziellen unverdrossen weiter "Messe" nennen, lappte sogar bis in die Steppe von Neuwiederitzsch hinein, und unterderhand stand Leipzig plötzlich dafür, dass Literatur einen "Eventcharakter" haben muss, um wahrgenommen zu werden. Günter Grass oder Christa Wolf erwiesen sich als Avantgardisten, was die Inszenierung eines Öffentlichkeitsauftritts anlangt: Leipzig garantiert höchste mediale Aufmerksamkeit und ein zahlreiches, kamerataugliches Publikum. Daraus, dass die DDR-Literatur hier ein paar Jahre lang noch ein Heimspiel hatte, entwickelte sich im Lauf der Zeit die Praxis, ein Schaulaufen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu veranstalten.

Es ist kein Zufall, dass die Berühmtheit des Autors Ingo Schulze sich einem einzigen Tag auf der Leipziger Buchmesse 1998 verdankt: Er war ein junger Autor aus dem Osten, sein Buch hatte den Osten als Thema, und der Erscheinungstermin war exakt auf die Leipziger Buchmesse hin ausgerichtet. Und alle großen Literaturbeilagen der Zeitungen hatten das Buch von Ingo Schulze als Aufmacher.

Man wundert sich von Jahr zu Jahr, dass es weitergeht, und freut sich ein bisschen. Letztes Jahr war Ingo Schulze wieder da, auf einer dieser Podiumsdiskussionen, die das Phänomen behandeln sollte, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur plötzlich so boomt - doch es war eher Ratlosigkeit und Desorientierung zu spüren, niemand wusste so richtig Bescheid. Da sagte Ingo Schulze: "Es ist wie mit dem Glücklichsein - man merkt erst ein paar Jahre später, dass man es gewesen ist."

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