Zeitung Heute : Leise rieselt der Schnee

SUSANNA NIEDER

Mitunter zum Küssen: "Weihnachtsfieber" von Paul HaratherVON SUSANNA NIEDEREin Weihnachtsfilm Anfang November - als hätte das nicht noch sechs Wochen Zeit gehabt! Andererseits wurden im Handel die ersten Dominosteine bereits vor Monaten gesichtet, insofern kommt der Film zum Fest vergleichsweise spät.Außerdem: So penetrant weihnachtlich ist "Weihnachtsfieber" gar nicht.Oberflächlich ist zwar andauernd von Plätzchen, Christbäumen und seliger Eintracht die Rede, doch in Wirklichkeit geht es um die Tücken des Alltags und schiefgewickelte Lebenskonzepte. Paul Harather hat vor drei Jahren mit "Indien" dem Heinzi und dem Kurti, zwei vom Schicksal gebeutelten Restaurantprüfern, ein bleibendes Denkmal gesetzt.Erst konnten sie sich nicht ausstehen, dann taten sich die Abgründe ihrer jeweiligen Befindlichkeiten auf, und schließlich waren sie Wahlverwandte.Genau so ein Paar sind auch Mauser (Uwe Ochsenknecht) und Charlotte Becker (Barbara Auer): Sie ist die Karrierezicke, er der Losertyp, und beide sind aufeinander angewiesen im verzweifelten Versuch, bis Heiligabend die 600 Kilometer von Berlin nach München zu überwinden. Der Einstieg ist schwergängig; Charlotte im Fernsehstudio läßt die überdrehte deutsche Beziehungskomödie sattsam bekannten Zuschnitts befürchten.Doch je weiter sich die beiden Reisenden in den Fußangeln der südostdeutschen Pampa verstricken, desto mehr Eigendynamik entwickelt der Film.Barbara Auer bleibt die ganze Zeit etwas steif, dafür möchte man Uwe Ochsenknecht herzen und küssen für seinen Mauser, der so rührend dämlich aussieht und sich auf jeden noch so geringen Anlaß zum Optimismus stürzt.Der absolute Höhepunkt sind die Sequenzen mit Volksbühnen-Star Sophie Rois als Haushälterin vom Herrn Pfarrer (Übrigens: Warum werden nicht ständig Filme mit Sophie Rois in der Hauptrolle gedreht?). Die Form des Roadmovies gibt Harather auch diesmal den willkommenen Aufhänger für groteske Situationen, skurrile Typen und eine durch ständige Auseinandersetzungen vorangetriebene Entwicklung zwischen den Hauptakteuren.Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschsprachigen Filmregisseuren weiß Harather, daß das Leben nie nur lustig ist.Manchmal ist es sogar verdammt traurig - und darf es so auch in einer Komödie sein.Zumeist funktioniert das Zusammenspiel zwischen Komik und Tragik.Streckenweise fühlt man sich an Detlev Buck erinnert (was der Sache keineswegs schadet), an anderen Stellen gerät die Sache etwas langatmig."Indien" war ein Film aus einem Guß, bei "Weihnachtsfieber" ist das nicht ganz gelungen.Sehenswert ist er trotzdem. Casablanca, Cinestar Hellersdorf, Europa, Kosmos, Lupe 1, Thalia, Gopius Passagen, Zoo Palast

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