Zeitung Heute : Leise wackelt der Europudding

JAN SCHULZ-OJALA,ANDREAS CONRAD

Ein jüdisches Familiendrama im Antwerpen der 70er Jahre: "Left Luggage", das gutgemeinte Regiedebüt des Schauspielers Jeroen Krabbé im Wettbewerb.Einziger Lichtblick: Laura FraserVON JAN SCHULZ-OJALA UND ANDREAS CONRADOb dies das europäische Kino ist, das Ben Kingsley, Mitglied der Europäischen Filmakademie und Chef der Berlinale-Jury, soeben als vielfältigstes der Welt rühmte? Niederländischer Regisseur dreht u.a.mit Isabella Rossellini (Italien), Maximilian Schell (Österreich) und Marianne Sägebrecht (Bayern) einen Schtetl-Stoff im (belgischen) Antwerpen der 70er Jahre - und alle sprechen mehr oder doch auffällig minder englisch? Europudding heißt das böse Stichwort für derlei entregionalisierte, für den US-Markt produzierte Kinoware, und wenn man nun ganz besonders böse sein wollte, dann hat sich der 54jährige Schauspieler Jeroen Krabbé mit seinem Regiedebüt immerhin ein unanfechtbar gesamteuropäisches Thema ausgesucht: den Holocaust.Genauer: seine Nachwirkungen in der zweiten und dritten Generation derer, die dem (deutschen) Morden haben entrinnen können.Bei Krabbé sieht dieser Schrecken freilich so aus, als stamme er aus dem 19.Jahrhundert, und auch das Weltrevolutionärchen-Klischee seiner 70er-Jahre-Welt ist mindestens 50 Jahre her.Wahrscheinlich hat er das gar nicht so gemeint.Dennoch schmeckt hier alles nach Opas Kino - von der Welt der orthodoxen Juden, die hier fast so archaisch wie die Amish leben, bis zur Ausstattung, den Dialogen und der Botschaft, jawohl: der Botschaft. Es ist vor allem die wunderbar frisch agierende Laura Fraser (ja, auch Marianne Sägebrecht hat ihre schönen Sägebrecht-Momente), die diesem oft in den Kitsch watenden Familien-Melodram immer wieder Kraft bis zur nächsten Pfütze gibt.Als junge Jüdin ist sie so assimiliert, daß sie die Lebenskatastrophe ihrer Eltern nicht mehr hören will - andererseits gelingt es allein ihr, als Kindermädchen die versteinerten Verhältnisse in einer jener orthodoxen Familien nun ja, nicht gerade zum Tanzen, so doch zum Weinen zu bringen.Das dramaturgische Mittel hierzu ist ein kleiner Junge (Adam Monty), der erst stumm, dann kurz - unter Lauras Einfluß - sehr munter und plötzlich tot ist.Moral: Die Juden sind gar nicht so (orthodox), und die fast Ungläubige hat auch ihre irgendwie religiöse Tiefe. Wird dieser schwer klischeebeladene und nervtötend übersichtliche Film ein Erfolg im Kino, eine Art gesamteuropäischer "Kolja"? Vielleicht nicht dort, wohl aber auf diesem Festival.
Wohin nur mit den Händen? Sie einfach baumeln lassen? Wie sieht denn das aus.Sie ordentlich vor sich auf den Tisch legen? Schon besser, aber sie wollen partout nicht dort liegen bleiben, wandern nervös hin und her, beginnen sich nun gar ineinander zu verknoten.Zum Glück gibt es Flaschenöffner, und den hat die junge Laura Fraser nun endlich entdeckt, wird ihn während der Pressekonferenz kaum mehr aus denn Fingern lassen.Mit 19 hat die junge Schottin ihre Filmkarriere begonnen, und drei Jahre später sitzt sie bereits auf dem Podium der Berlinale-Pressekonferenzen, Hauptdarstellerin von Jeroen Krabbés Regiedebüt "Left Luggage", umlagert von Kameraobjektiven und einigen hundert Augenpaaren.Nein, wohl fühlt sie sich offensichtlich nicht, und jetzt kommen auch noch Fragen, wie sie ihre Rolle sehe und wie sie sich vorbereitet habe, was eben so gefragt wird bei solchen Gelegenheiten. Anfangs hat sie auch ganz brav geantwortet.Nein, Jüdin sei sie nicht, habe die Rolle ohnehin weniger religiös gesehen, sondern ein Mädchen gespielt, das Kinder liebe."Ich fand ihn niedlich, und er fand mich wohl auch gut", erzählt sie noch bereitwillig über die Arbeit mit ihrem jungen Filmpartner, dem damals sechsjährigen Adam Monty.Aber dann ist die mühsam bewahrte Fassung auch schon erschöpft, verzweifelt reißt sie die Arme hoch, lacht dabei über sich selbst: "Ich kann überhaupt nichts mehr sagen, tut mir leid.Kann ich denn nicht bitte weg hier?" Dabei ist man ihr in dieser Runde ausgesprochen wohlgesonnen.Schon im Kino viel Beifall für den Film und sie besonders, "Laura hier" und "Laura dort" hieß es zu Beginn der Pressekonferenz beim Fotografieren, und auch jetzt könnte sie es mit aller professionellen Routine kaum besser machen, um die Sympathien der hartgesottenen Pressebengels und -mädels auf ihre Seite zu ziehen.Natürlichkeit hat eben den größten Charme, und davon hat sie jede Menge, ungemein talentiert ist sie obendrein, ihr Regisseur hat also ganz recht: "Den Namen sollten Sie sich merken." Schon die fürs Casting zuständige Frau hatte ihm versprochen: "Sie ist absolut Dynamit", und das war Laura Fraser auch, lobt Krabbé. Wie anders als sein scheuer Star dagegen Marianne Sägebrecht: bayerisches Urgestein, unwiderstehlich in ihrer Offenheit.Auch sie vermag die Hände nicht still zu halten, gestenreich wandern sie umher, am besten beide gleichzeitig."Alles kommt raus, was ist und was war", und immer "voll von der Leber weg", so sei sie halt.Nicht jeder kommt damit klar: "Du kannst dich doch nicht den Hyänen selbst zum Fraß vorwerfen", habe ihr Kollege Rutger Hauer bei solch einer Gelegenheit einmal protestiert.Doch, sie kann. Heute 12 Uhr (Royal), 20 Uhr (Urania) 23 Uhr (International).

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