Zeitung Heute : Leises Ploppen

STEFANIE DÖRRE

"Ich war noch nie gestern dort": Philipp Mosetter denkt laut im BKASTEFANIE DÖRREMetallplättchen klirren."Ein Glaskolben ist zu Bruch gegangen".Philipp Mosetter hält kurz in seinem - der zur Denkerstirn gefaltete Rücken verrät es - kontemplativem Gang inne.Zum Ende des Programms gibt er den Faust.Dann Gretchen: "Essen!" Wieder Faust (verzweifelt): "Die Welt ist, und das macht uns glücklich, verheerend schlecht und unerquicklich." Auf den zunehmenden Nebel werde folgender Satz projiziert: Der Tod wahrer Größe ist alles andere.Sagt Mosetter.Zu sehen weiterhin: die schwarze Jalousie der BKA-Bühne.Das "monolithische Theater" des Frankfurter Kabarettisten arbeitet nämlich mit der Sprache, vor allem mit dem Konjunktiv.Die karge Kulisse interessiert nur insofern, als sie mit den Stücken nichts zu tun hat.Verschiebung ist das Prinzip der Pointen.Vom Realen zum Imaginären, vom philosophischen Abriß ins Absurde, von den höheren Weihen der Literatur zur Banalität des Alltags.Diese Komik kann nicht knallen, doch etwas mehr als ein leises Ploppen wäre drin gewesen. Mosetter, in grün beulender Cordbuntfaltenhose und Wolljacket, über der Hornbrille die Haare zur glatten Variante der Westerwelle frisiert, ordnet zum x-ten Mal die Zettel auf dem Stehpult, dreht am Wasserglas.Eifriger Jungpolitiker, sich leger gebender Uni-Karrierist: das sind die Assoziationen.Als selbstironisch wird dieses Auftreten von den Kritikern bezeichnet, wohl weil Mosetter an der Kunsthochschule Wien über Sprachgestaltung doziert.Trotzdem bleibt die Figur eine unglücklich trockene Folie für die Wortakrobatik."Ich war noch nie gestern dort." Im Spiel mit Präsenz und Zeit ist dieser Satz witzig, er wird um so witziger, je länger man darüber nachdenkt.Auch die Miniatur-Dramolette über gewaltsame Tode und andere Katastrophen, das aufgeschobene, in einer Kaskade von Zugaben auslaufende Programmende treiben als genau kalkulierte Amokläufe in die Groteske.Doch ein spontanes Lachen tropft nur durch den Raum.Vielleicht befand sich das Publikum gerade an diesem Abend nicht auf der Höhe seiner geistigen Möglichkeiten.Ein bißchen weniger intellektualistische Bemühung und etwas mehr Charme hätten gut getan. BKA, 21.bis 23.11, 26.bis 30.11.und 4.bis 7.12., jeweils um 20 Uhr.

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