Zeitung Heute : Lernen de luxe

Die Berliner International School ist eine Privatschule der Sonderklasse

Thomas Loy

Otto Wendel ist der „Caretaker“. Das bedeutet „Hausmeister“. Er spricht zwar kein Englisch, trägt das Sweatshirt mit dem Schul-Logo Berlin International School (BIS) aber mit stolz geschwellter Brust. Was ihn so zufrieden macht, ist der Umstand, dass es noch einen Caretaker an der Schule gibt: Kollege Horst Zimmermann. Eine Schule – zwei Hausmeister. Üblicherweise ist das Verhältnis in Berlin umgekehrt. Des Weiteren stehen auf der BIS-Mitarbeiterliste: Ein Pförtner, eine Gesundheitsbeauftragte, fünf Reinigungsfrauen, vier Köchinnen, eine Bibliothekarin, zwei Sekretärinnen und rund 75 Lehrkräfte für etwa 700 Schüler. Dafür bezahlen die Eltern 700 Euro im Monat und manche auch mehr. Die BIS in Dahlem ist eine Privatschule, die sich an internationalen Maßstäben orientiert. Von der Wirklichkeit des öffentlichen Schulsystems in Deutschland ist man hier weit entfernt. Genauso weit wie von der Pisa-Debatte.

Auch die Erstklässler tragen heute das Schulsweatshirt. Am Morgen waren sie in der Oper bei „Hänsel und Gretel“. Ein wichtiger Außentermin, da dürfen sie Flagge zeigen. Eigentlich bleibe man lieber im Hintergrund, sagt Andreas Wegener, Geschäftsführer des Schulträgers Private Kant-Schule. Zu viel Werbung lockt auch Menschen an, die Böses im Sinn haben. Viele Eltern sind auf Anonymität und Sicherheit bedacht. Sie kommen aus Ländern, in denen Entführungen zum Alltag gehören. Es sind Geschäftsleute, Künstler, Diplomaten, die oft auf Zeit nach Berlin kommen – darunter auch internationale VIPs.

Audrey Schneider vermeidet das Wort „Privat“, wenn sie im Bekanntenkreis von der Schule ihrer Kinder erzählt. Das Wort sei in Deutschland stigmatisiert. Privatschul-Eltern würden entweder als reiche Snobs verachtet oder mitleidig belächelt, weil der Schulversager-Nachwuchs ihnen so viel Kummer bereite. Dabei gehe es ihr persönlich nur um Qualität – nichts weiter. Dafür zahlt Familie Schneider gerne eine fünfstellige Summe im Jahr und verzichtet auf den Zweiturlaub. Wie selbstverständlich jobbt Audrey Schneider sogar ehrenamtlich in der Schulbibliothek. Sie stammt aus den USA und findet nichts dabei, für eine Sache Geld auszugeben, die andere als staatliche Pflichtaufgabe betrachten. Vorher gingen ihre Kinder auf eine Schule, in der nicht nur auf eine Bibliothek, sondern auch auf Seife und Toilettenpapier verzichtet wurde. Auf dem Schulhof kam sie sich vor wie auf der Reeperbahn. Und die Lehrer sagten, das sei doch alles noch im Bereich des Erträglichen. Sie fand es unerträglich.

In der Bibliothek sitzt Deutschlehrer Oliver Blum auf einem breiten Sofa, um ihn herum seine Schüler. Blum liest eine Geschichte vor. Das ist jetzt keine AG, auch kein Geschenk an die Schüler für gute Noten. Vorlesen gehört zum normalen Unterricht, sagt Blum. Er ist seit fast zwei Jahren an der BIS, vorher war er in den USA, davor an staatlichen Schulen in Berlin. Zwischen der BIS und normalen Schulen gebe es einen „himmelweiten Unterschied“, der sich vor allem an der verfügbaren Zeit messen lasse. Es gibt keinen Dreiviertelstundentakt und die Unterrichtszeit endet frühestens um 15 Uhr. Danach ist Blum bis 17 Uhr in der Schule, um sich auf den nächsten Tag vorzubereiten. So lange ist er auch für Schüler ansprechbar. Wird Blum krank, springt ein Ersatzlehrer ein. Von den „substitute teachers“ gibt es eine ganze Telefonliste. Einer hat immer Zeit. Unterrichtsausfall ist hier ein Tabuwort.

Englisch bei Kate Kalajainen aus den USA. Kate hopst auf einem Gymnastikball, die Kinder lümmeln in Kreisformation auf einem Teppich. Sieht ein wenig nach Waldorfpädagogik aus, ist aber hartes Vokabeltraining. Die 7- und 8-Jährigen aus der 2. Klasse bereiten sich auf ein kurzes Dschungeldrama mit Wildschweinen, Fröschen und Affen vor. Deutschsprachige Kinder – sie machen rund 40 Prozent der Schüler aus – müssen in wenigen Jahren die Unterrichtssprache der Schule beherrschen: Englisch. Fast alle Kinder machen neben dem deutschen Abitur das „Internationale Baccalaureate“. Dazu gibt es einen verbindlichen Lehrplan, so dass Schüler problemlos zwischen Internationalen Schulen überall auf der Welt wechseln können. Die Fluktuation von Schülern, aber auch Lehrern ist relativ hoch.

Dennoch wird darauf geachtet, dass die Schule wie eine Großfamilie funktioniert. Die Eltern kommen jeden Donnerstag zu einer Best-of-Unterrichts-Präsentation in die Schule. Die Lehrer werden einmal im Jahr von den Eltern zum Essen eingeladen. Das Jahrbuch der Schule ähnelt zeitgeistigen Imagebroschüren börsennotierter Unternehmen: Großformatige Porträts, euphorische Arbeitsbilanzen mit einer Häufung der Vokabel „wonderful“, optimistische Ausblicke. Klingt für ehemals staatlich beschulte Bundesbürger nach einer Überdosis Selbstlob. Wegener dementiert. Das Jahrbuch sei nur für den internen Gebrauch, gestaltet auf dem Privatcomputer einer engagierten Mutter. Vielleicht stimmt ja doch, was drinsteht. „Ich habe die Freude am Lernen entdeckt“, schreibt Christian aus der Zehnten. Bis zur 9. Klasse war er an einer staatlichen Schule. Dort war ihm das Lernen noch eine Last.

Im Raum Berlin gibt es neben der BIS (Internet: private-kant-schule.de/bis) noch die Staatliche Internationale Gesamtschule in Charlottenburg (www.sisberlin.de) und die Berlin Brandenburg International School in Kleinmachnow (www.bbis.de). An der Internationalen Gesamtschule wird kein Schulgeld verlangt.

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