Zeitung Heute : Lernen vom Tsunami

Weltweit wird jetzt für die Überlebenden des Erdbebens auf der Karibikinsel Hispaniola gespendet. Was kann man aus den Erfahrungen mit dem Tsunami für die Hilfsmaßnahmen in Haiti lernen?

von

Kaum liefen die erste Nachrichten des vernichtenden Erdbebens in Haiti über die Ticker, schon kündigten zahlreiche Länder, Organisationen und Prominente Millionenspenden an. Diese Hilfsaktionen aus der ganzen Welt abzustimmen, wird eine Mammutaufgabe für die Mitarbeiter des „Office for the Coordination of Humanitarian Affairs“ (OCHA), die Koordinationsstelle der Vereinten Nationen. Es wird wohl noch schwerer als nach dem Tsunami vom 26. Dezember 2004, als rund 13,5 Milliarden US-Dollar gespendet wurden.

Anders als damals in Indonesien, Thailand und Sri Lanka wurde in Haiti nun die Hauptstadt nahezu ausgelöscht. Der Präsidentenpalast und die UN-Vertretung sind völlig zerstört, viele Regierungsvertreter, Meinungsführer sowie Helfer sind tot. Es gibt auch kein Militär, das zupacken könnte. Alle Hilfsorganisationen sind dennoch gut beraten, nicht eigenmächtig zu handeln, sondern sich wie im bürgerkriegsgeschüttelten Sri Lanka mit einheimischen Interessenvertretern und Partnerorganisationen abzustimmen, die eine langjährige Erfahrung mitbringen. Bei der Deutschen Welthungerhilfe beispielsweise sind das in Haiti „Concert Action“ und „ACDED“. „Die internationale Reaktion war dann am wirksamsten, wenn sie diese lokalen Akteure zur Hilfe befähigte“, heißt es in dem vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (dzi) vorgelegten „Tsunami Evaluation Coalition Synthesis Report“. Wie in Asien sollten sich die Helfer in Haiti aber auch auf restriktive und wechselnde Entscheidungen der lokalen Autoritäten einstellen. Beim Tsunami beispielsweise erschwerten immer wieder neu festgelegte Bebauungsgrenzen zum Meer hin (Pufferzone) die Planungsarbeiten.

Wichtig ist für die Hilfskoordinatoren auch, dass sie sich nicht zu vorschnellen Entscheidungen hinreißen lassen, um gut in der Öffentlichkeit dazustehen, oder weil sie sich dem Druck von Politikern, Medien und Geldgebern beugen. Stattdessen müssen sie gewissenhaft den tatsächlichen Bedarf ermitteln. Nach dem Tsunami liehen sich Politiker in Indonesien für die TV-Kameras sogar „Kinder aus“, um ein gar nicht mehr benötigtes Waisenhaus zu erhalten. Landeskundige Helfer in Haiti müssen genau hinschauen, damit nicht passiert, was im Süden Sri Lankas gerade noch verhindert werden konnte: Dort versuchten Dorfgemeinschaften, sich Schulen von Organisationen aus Japan und Deutschland doppelt finanzieren zu lassen. An den Küsten stapelten sich damals mehr Boote, als es Fischer gab. Im „Armenhaus der westlichen Welt“ müssen beim Wiederaufbau auf jeden Fall soziale Ungerechtigkeiten verhindert werden.

Doch trotz aller manchmal unvermeidlichen Pannen sollten die Spender auf die Erfahrung der großen Organisationen vertrauen. Sie sind meist verlässlicher als Staaten, die erst Millionen versprechen, aber dann doch keinen Cent überweisen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben