Zeitung Heute : Lernsoftware: Nicht nur für Mathe-Genies

Claudia Wessling

"Liegen zwei Eckpunkte eines Dreiecks auf den Endpunkten des Durchmessers eines Kreises und liegt der dritte Eckpunkt auf der Kreislinie, dann hat das Dreieck im Punkt C einen Innenwinkel von 90 Grad." In geschriebener Form ist der Satz des Thales wahrscheinlich nur für Mathe-Fans anschaulich. Für viele Schüler sind geometrische Sätze erst verständlich, wenn sie mit Papier, Bleistift und Zirkel konstruiert werden. Doch je mehr Kreise, Dreiecke und Geraden entstehen, desto häufiger wird entnervt zum Radiergummi gegriffen.

Gerade in Mathematik kann Lernsoftware darum dabei mithelfen, abstrakte Zusammenhänge zu veranschaulichen. Einige Produkte sind auf dem Markt und tragen dazu bei, frühen Frust in Mathe zu vermeiden. Großen Nutzen bringt der Software-Einsatz in Geometrie, wenn zum Beispiel Konstruktionen nicht mehr nur statisch auf dem Papier stehen, sondern am Bildschirm verändert oder bewegt werden können. "Wir wollen zeigen, dass Mathe auch kreativ sein kann", sagt Ulrich Kortenkamp. Der Mathematiker hat zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Richter-Gebert die interaktive Geometrie-Software "Cinderella" entwickelt.

Seit seinem Erscheinen vor rund einem Jahr verkauft sich das Produkt mit ungewöhnlichem Erfolg. Die Zeitschrift "Eltern for family" verlieh den Mathematikern sogar die "Giga Maus 2000" für die beste Lernsoftware für Jugendliche ab 13. In kurzer Zeit hat "Cinderella" anderen Geometrie-Programmen wie "Cabri" und "Thales" Konkurrenz gemacht. Dabei hatten die Mathematiker das Programm ursprünglich entwickelt, um eigene Modelle zu konstruieren. Das Projekt wurde immer größer, und heute erscheint "Cinderella" gleich bei zwei Verlagen: Heureka Klett gibt die Version für Schüler der Klassen 5 bis 10 heraus, Springer eine Version für Studenten.

Anfänger können mit der Software exakte geometrische Figuren entwerfen, aber auch komplizierte Konstruktionen wie Kegelschnitte oder Spiegelungen sind möglich. Die geometrischen Konstellationen können farbig gestaltet, animiert und auf eine Internetseite exportiert werden. Ansonsten haben die Autoren auf Adventure- oder Edutainment-Elemente verzichtet.

Das Programm ist von der Nutzerführung schnell zu verstehen. Die Aufgabensammlung, in der man geometrische Beweise selbst nachkonstruieren kann, läuft auf dem Internet Explorer. Beim Rechnen eigener Aufgaben gibt das Programm Hinweise, ob man auf dem richtigen Weg ist. Außerdem lässt es verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu - keine Selbstverständlichkeit für mathematische Software, bei der oft nur nach Schema F gerechnet werden darf.

Cinderella wurde in Java programmiert und läuft auf allen Plattformen. Besonderen Wert legten die Autoren auf die Internetfähigkeit: "Inzwischen hat sich schon eine richtige Community im Netz gebildet, die mit unserem Programm eigene Sachen entwirft", erzählt Kortenkamp. Er hofft, das das vernetzte Lernen übers Netz Schülern zeigen kann, dass Mathematik auch ein kreatives Fach sein kann.

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