Zeitung Heute : Lesen und lesen lassen

HELLMUTH KARASEK

Morgen öffnet die Frankfurter Buchmesse ihre Tore.Der Trend zum Buch ist ungebrochen und das trotz konkurrierender elektronischer Medien.VON HELLMUTH KARASEKDie Frankfurter Buchmesse, die morgen auf dem riesigen Messegelände Mainhattans ihre Tore öffnet, wird wieder einmal, wie fast jedes Jahr, ihre eigenen Rekorde brechen: 9544 Aussteller aus 106 Ländern werden auf der größten Bücherschau der Welt ihre Produkte vorstellen - und das sind, wie das "Börsenblatt" des deutschen Buchhandels stolz ankündigte, 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihre Produkte: Das sind Bücher, das ist, wie man zufrieden sagt, geistige Konterbande; der Stoff, aus dem die Träume sind; das Medium, über das die Phantasie immer noch am nachhaltigsten auf die Wirklichkeit einwirkt, sie beeinflußt, prägt.Ihre Produkte: Das sind rund 310 000 Titel, die auf der Messe bis zum 20.Oktober präsentiert werden.Man könnte paradox sagen, daß der Geist hier gewaltig seine Muskeln spielen läßt, das Wort sich als eindrucksvolle Zahl manifestiert.Und obwohl jeder weiß, daß selbst der emsigste Leser nicht einmal ein Tausendstel der Titel in diesem Bücherjahr, bis zur Herbstmesse 1998, lesend zu bewältigen imstande wäre und jeder ahnt, daß von diesem gewaltigen Büchergebirge nur ein geringer Teil dazu gedacht ist, von sogenannten Schöngeistern als Literatur-Leser abgetragen zu werden - die Zahl bleibt imposant. Sie bleibt es, weil sie den Optimismus und die Gewißheit einer Branche ausstrahlt, die sich, jedenfalls vorwiegend, dem gedruckten Wort verschrieben hat: Das Buch, so lautet die frohe Botschaft, das Buch ist nicht tot zu kriegen.Es setzt trotz der wachsenden Flut der konkurrierenden elektronischen Medien seinen Siegeszug fort.In der Tat beweisen nicht nur Verkaufszahlen, sondern auch Analysen, daß das Leseverhalten, allen Unkenrufen der Kulturpessimisten zum Trotz, sich kaum verändert. Auch bei einer galoppierend steigenden Zahl von TV-Programmen, bei einem Riesen-Videomarkt, bei einer wachsenden PC-Datei und zunehmendem Internet-Surfen wird nicht weniger gelesen.Eher ist es so, daß die verschiedenen kulturellen Medienangebote sich verhalten wie kommunizierende Röhren: Die Medien beflügeln einander.Man mag dieses Verhalten, das sich in Werbeslogans wie "Das Buch zum Film" oder "Der Roman zur Fernsehserie" niederschlägt, milde kulturkritisch belächeln - dem Lesen abträglich ist es nicht.Selbst da, wo Buchhändler und Verleger sich selbst Konkurrenz machten, also bei CD-ROM, ist es so, daß sich das Buch gegen seinen elektronischen Zwilling glänzend behauptet und als der stärkere erwiesen hat. Eine Tendenz der letzten Jahre, die sich immens verstärkt, macht diese Messe, die internationale Geschäfte, internationale Verbindungen der Literatur knüpft wie keine andere, so besonders erfreulich: Es ist die sprunghaft steigende Teilnahme der Verlage aus den osteuropäischen Ländern: 689 Aussteller aus Staaten des ehemaligen Ostblocks sind in Frankfurt präsent, 176 mehr als im Vorjahr.Der Goethesche Begriff der "Weltliteratur", der den offenen Zugang und Zugriff auf die geistigen Güter aller Kulturen meint, ist erfreulich zutreffender geworden.Daß sich uns die Welt im Buch öffnen kann, so wir nur wollen - die portugiesische Literatur ist in diesem Jahr ihr Schwerpunkt -, ist das Verdienst der Übersetzer.Sie sind die heimlichen und damit die wahren Helden der gigantischen Bücherschau, die sich in Starauftritten ihrer Bestseller-Autoren, Jahrmärkten der Eitelkeit, gefällt und hinter den Kulissen immer noch die großen Deals macht.Wer diese Bücher naserümpfend nicht mag, sollte mindestens wissen, daß sie die "andere", die "stille" Literatur huckepack mit sich tragen.Und er sollte sich als Toleranzprinzip das Motto "Lesen und lesen lassen" zu eigen machen.

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