Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Bei Gott und Dr. Tigges

Sylvia Richter

"Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", pflegte Hubert Tigges (1895 bis 1971) zu sagen. Nicht für eine Stunde konnte der Gründer eines der ersten deutschen Reiseunternehmens auf der "faulen Haut" liegen. Seine Rastlosigkeit und das Fernweh, die Lust am Abenteuer und an der Natur waren ebenso die Triebfedern zur Unternehmensgründung wie der Traum vom vereinten Europa. In einer Collage aus Erinnerungen und Anekdoten zeichnet jetzt der Sohn des Reisepioniers ein Porträt über den ungewöhnlichen Lebensweg seines Vaters.

Reinhold Tigges umrahmt seine Erinnerungen an Vater Hubert mit Reflexionen über das Phänomen des modernen Tourismus. Dabei erhebt er keineswegs den Anspruch, eine Geschichte des Tourismus im 20. Jahrhundert zu liefern, sondern umreißt die Epochen menschlicher Umtriebigkeit im lockeren Plauderton: "Schon Maria und Joseph baten um Einlass in eine Herberge, mussten aber wegen Überbuchung - oder weil sie zu arm waren - in einem Stall übernachten. Das leidige Problem kennen wir noch heute. Warum mussten sie auch gerade über Weihnachten verreisen!"

Mit viel Humor und sympathischem Abstand beleuchtet der Autor die Lebensstationen seines Vaters. Schon in seiner Zeit als Volkshochschullehrer organisiert Hubert Tigges regelmäßig Reisen innerhalb Europas. Wanderfahrten mit Zelt, Kochtopf und Spirituskocher sind für ihn die schönste Art zu reisen: "Man braucht nur wenig Geld, und ohnehin ist das Schönste und Beste, was man erleben kann, nicht für Geld zu haben", ist seine Grundüberzeugung.

Dem hohen Anspruch, den Hubert Tigges an sich selbst stellt, müssen auch seine Reiseleiter genügen: Improvisationstalent und Geschick im Umgang mit anderen Menschen sind besonders wichtig. "Bei Gott und Dr. Tigges ist nichts unmöglich" wird in den fünfziger Jahren zum geflügelten Wort. Tatsächlich macht das Unternehmen für seine Gäste manchmal das Unmögliche möglich: Ein Tigges-Reiseleiter verspricht den Teilnehmern einer Israel-Reise Weihnachten 1955 die Heilige Nacht in Bethlehem (damals noch zu Jordanien gehörend). Als ihnen an der israelischen Grenze der Zutritt nach Jordanien verwehrt wird, durchläuft er in stockdunkler Nacht zu Fuß ein Minenfeld. Einem Grenzoffizier trägt er sein Anliegen vor - mit Erfolg: Die Gruppe darf einreisen.

Tigges junior erzählt Dutzende weitere Anekdoten aus dem Leben seines Vaters, der Familie und den Mitarbeitern des Unternehmens. Als gelernter Reisebürokaufmann war er selbst einige Zeit Geschäftsführer im väterlichen Betrieb. 1967 trat das Unternehmen Dr. Tigges-Fahrten der Touristik Union International (TUI) bei. Die neuen Großraumbüros unter dem Dach des internationalen Konzerns waren nicht mehr die Welt des romantischen Reisepioniers. 1971 kam er im Alter von 76 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

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