Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Das Jenseits gespürt

Franz Lerchenmüller

Erst ist da nur Durst. Stunden später schon schrecklicher Durst. Die Haut glüht, der Puls rast. Alles noch nicht so schlimm. Dann beginnst du, von Wasser zu fantasieren. Dein Blut dickt ein wie Maschinenöl, um deinen Schädel presst sich ein Eisenreif. Bald schließen deine Augenlider nicht mehr. Die Zunge schlägt wie ein Pendel gegen die Zähne. Du befeuchtest sie mit etwas Urin. Dein Wasserdefizit beträgt jetzt zwölf Prozent. Du hörst Musik. Ziehst dich aus. Stolperst nackt weiter. Kriechst ein paar Meter ... - Verdursten in der Wüste ist nur eine der vielen Möglichkeiten, die die Natur kennt, Menschen zu Tode kommen zu lassen, die sich ihr allzu wagemutig allzuweit ausgeliefert haben: Bergsteiger, Taucher, Extremsportler. Abenteurer jeder Couleur, also.

Der amerikanische Journalist Peter Stark ist einer von denen, die es immer wieder hinaustreibt in unwegsames Gelände, um "die Grenze zwischen dem Selbst und etwas Größerem aufzuheben". Er kennt den Tod. Und bannt die Angst davor, indem er ihn erforscht. Er hat mit Kollegen gesprochen, die schon jenseits dieser Grenze waren, hat Notärzte befragt und medizinische Datenbanken durchforstet. Aus diesem reichen Fundus von physiologischen und psychologischen Erkenntnissen hat er elf Geschichten herausdestilliert, die überaus fröhlich beginnen und - meist - tödlich enden.

Dougie wird samt Snowboard von einer Lawine verschlungen, Matt kentert mit dem Kajak in den Strudeln des Jangtse, Ariadne stirbt in einer Schneeehöhle am Anapurna an einem Lungenödem, ein Jungmanager klettert "eine 5.9 solo und frei" und stürzt ab - in jedem Fall schildert Stark außerordentlich plastisch und genau, was in diesen letzten Stunden oder Minuten im Hirn, in den Nerven und Organen eines Todgeweihten abläuft, aber auch welche Phasen von Panik, Verzweiflung, Gleichgültigkeit und letztem Aufbäumen das Bewusstsein dabei durchläuft.

Dieses Buch ist ein Sturm auf die Nerven von Leserinnen und Lesern. Man fiebert mit der Radfahrerin, wenn ihr Körper in glühender Hitze zu kochen beginnt wie ein Reaktor bei der Kernschmelze. Der Atem stockt, als Robert 53 Meter unter dem Meeresspiegel entdeckt, dass seine Luftflasche leer ist. Adrenalin schießt ins Blut, wenn sich die Tentakel der Würfelqualle in Marys Haut brennen - dieses Buch lässt niemanden kalt.

Am Ende legen alle es mit einem tiefen Seufzer aus der Hand. Die einen mit wohligem Gruseln, erleichtert, welche Schrecken ihnen bei bedächtiger Lebensführung auch in Zukunft erspart bleiben. Die andern vielleicht noch schärfer auf den Kick. Aber künftig gewiss auch eine Spur vorsichtiger: "Das wusste ich nicht" gilt jetzt nicht mehr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben