Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Den Göttern nahe gekommen

Hella Kaiser

Pädagogen, das bringt der Beruf wohl so mit sich, erklären gern und wissen vieles besser. Zu den beliebtesten Reisebegleitern gehören sie aus eben diesen Gründen nicht. Mit Hartmut von Hentig aber wäre man gern unterwegs gewesen. Viel hat der 1925 geborene emeritierte Professor für Pädagogik von der Welt gesehen und darüber doch nie den staunenden Blick verloren. Seine nun in einem dicken Buch veröffentlichten Reiseberichte sind keineswegs nur Wegweiser zu touristischen Glanzlichtern. Vielmehr ist da einer losgezogen, um zu entdecken, wie andernorts gedacht, gefühlt und gelebt wird.

Vielleicht war die Neugier 1936 geweckt worden, als der elfjährige Diplomatensohn mit seinem Vater durch die "grüne Hölle" von Kolumbien ritt und dabei Abenteuer erlebte, die man niemals "buchen" könnte. "Die Leute waren sehr freundlich zu mir, vor allem die, die ganz wild aussahen", notierte das Kind, dem der Vater in der Wildnis einiges zumutete. Auch später reiste Hartmut von Hentig eher selten komfortabel.

1956 fährt er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder auf dem Motorrad nach Paris. Das kärgliche Budget erlaubt nur billige Herbergen. Ihre hat ein Fenster zu einer Passage, "in der die Stöckelschuhe der Frauen von sechs Uhr morgens an wie ein gewaltiges Ping-Pong-Turnier schallten". Drei Vormittage verbringt er im Louvre, ist beeindruckt von der Comédie Française und enttäuscht vom Musée Rodin. Ein dichtes Programm wollen die beiden Brüder bewältigen - und scheitern. "Einen so gewaltigen Erlebnis-Strom wie Paris kann man nicht alleine ausschlürfen, und zu zweit hindert man sich daran, es zu wollen", erkennt von Hentig. "Die einsame Reise ist so reich und so schwierig wie die gemeinsame", schreibt er und entscheidet sich oft für Unternehmungen mit Gefährten.

Zu viert bietet ein Fußmarsch über die Alpen besondere Einsichten, vor allem, wenn dabei die "Ilias" gelesen wird. Mögen die klugen Männer beim Wandern auch über Hemingway und den Nihilismus diskutieren, die Berge fordern nicht nur Geisteskraft. "Ein von Rationierung unnütz gesteigerter Hunger, Kälte und Warten auf die erschöpften Nachzügler, widersprüchliche Meinungen und Erwartungen an die Fortsetzung des Unternehmens ...", solch irdische Unwägbarkeiten verknüpft mit Ausblicken, bei denen "wir den Göttern manchmal ganz nah waren" machen die Tour unvergesslich.

Für von Hentig sind Reisen "eine unentbehrliche Übung im Beobachten". Warum immer alle Hühner mitreisen müssen südlich der Alpen, fragt er sich etwa auf einer Griechenland-Tour, wo der Altphilologe dorische Säulen bewundert, "die gespeicherte unendliche Zeit" spürt, aber auch mit seiner Unkenntnis des Neugriechischen hadert und damit, dass sogar Wanderer zwischendurch mal den Bus nehmen müssen: "Man fährt durch Theben, wo die Burg des Kadmos, des Ödipus stand, und hält nicht einmal an."

1990 reist von Hentig nach Afrika und kommt dort luxuriös, mit Blick auf den glitzernden Kongo, bei einer Freundin unter. Nüchtern registriert er den Kontrast zu einer Eingeborenen-Hütte: "Ein oder zwei Töpfe, ein großes Familienbett aus zusammengebundenen Knüppeln, eine Feuerstelle." Angesichts solcher Realitäten diskutiert man über die "Dritte Welt" und findet keine Antworten. Der Reisende bemerkt, dass die Zahl der Kinder schneller zunimmt als die Zahl der Lebens-Mittel und konstatiert "die liebenswürdige und zugleich enervierende Gleichgültigkeit der Menschen". Aber da ist auch soviel Herzlichkeit. Afrika, das spiegelt Hartmut von Hentigs Bericht, kann man vielleicht erfühlen, verstehen wird man es nicht.

Mit seinen 17 Reiseberichten gelingt es dem Autor, wie beabsichtigt, "das Gegenbild zum konfektionierten Tourismus" zu zeigen. Der Pädagoge schulmeistert nicht, sondern verführt dazu, die Welt mit wachem, neugierigem Blick zu entdecken. Mit oder ohne Gefährten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar