Zeitung Heute : LESEN UND REISEN: Der Kampf der Kleinen

ROLAND MISCHKE

Über die Reiseführer im WestentaschenformatVON ROLAND MISCHKE

Aus dem Trio ist ein Quartett geworden, seitdem Dumont mitverdienen will.Der Kölner Verlag, der sich mit anspruchsvollen Kunstreiseführern einen Namen gemacht hat, ist aus der Oberklasse der edel edierten Bücher abgestiegen in die Liga der Kleinen im Westentaschenformat und tritt dort mit seinen "Dumont Extra" an gegen "Polyglott", "Marco Polo" und "Merian live"! In der Frühjahrsproduktion sind 19 Titel aufgelegt worden, für den Herbst sind noch einmal bis zu 20 Bände geplant.Alle zwölf Monate, verspricht der Verlag, würden die Führer - deren Auflage je nach Ziel zwischen 20 000 und 28 000 Stück liegt - aktualisiert.Die preiswerten Reiseführer (12.90 Mark) sollen hauptsächlich eine jüngere Kundschaft erreichen, etwa Schüler und Studenten.Darum ist das Layout poppig gehalten, stecken die Bände voller Tips und Adressen, sind die Destinationen kaum noch beschrieben, sondern vor allem des Jungvolks Laufstege. Der Markt der Reiseführer im praktischen Handtaschenformat hat in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung erfahren.Initiator war Marco Polo aus Mairs Geographischem Verlag in Ostfildern bei Stuttgart - und die deutsche Einheit.Eigentümer Volkmar Mair bezeichnet den "Markt, der nach der Wiedervereinigung neue Höhen erklomm", ebenso als "Glücksfall" wie das 1989 erfolgte Engagement des langjährigen Chefredakteurs von "Merian", Ferdinand Ranft.Der entwickelte als Herausgeber der mittlerweile 223 im Handel erhältlichen Marco-Polo-Führer ein Konzept, das vom Publikum angenommen wurde: Jeder Führer beginnt mit einem längeren Einleitungskapitel, das dem Leser die Destination nahebringt.Dabei wird auf exakte Historie ebenso Wert gelegt wie auf die lebendige Beschreibung der Gegenwart.Außerdem wird dem Leser erläutert, was ihn auf den Tischen des Landes, das er besucht, erwartet, was er kaufen kann und mit welchen Festivitäten er vor Ort rechnen muß, die er eventuell auch in die Reiseplanung einbeziehen kann.Im Kapitel "Stichworte" werden die Besonderheiten der Region oder Stadt noch einmal auf den Punkt gebracht.Auch die einzelnen Kapitel, die sich Regionen oder Stadtteilen widmen, sind knapp und präzise gehalten.Gelb unterlegte "Insider-Tips" geben die subjektive Meinung des Autors wieder; der Leser kann testen, ob der Autor richtig liegt. Das Konzept hat Marco Polo die Marktführerschaft im Segment der Pocket-Führer eingebracht.Die Redaktion sitzt in Hamburg, 20 Lektoren betreiben das Aktualisierungsgeschäft, über 150 Autoren aus aller Welt schreiben für Marco Polo. Polyglott, bis zu Beginn der neunziger Jahre an der Spitze, empfand den schwäbisch-hanseatischen Vorstoß als Herausforderung und stellte ebenfalls seine Führer komplett um.Das vorsintflutliche Layout - statt Fotos gab es Zeichnungen, jeder Führer war eine Bleiwüste - entfiel, die bunten Bilder und die flotte Schreibe kamen, nicht aber der erhoffte Erfolg mit den bisher 185 neuen Bänden.Auch die Reihe Merian live aus dem Hause Gräfe und Unzer in München hinkt bei den Absatzzahlen Marco Polo weit hinterher.Die beiden Reihen, deren Ausgaben in herkömmlicher Manier zu "Routen", "Wegen" und "Spaziergängen" einladen, nicht aber kompakt informieren und dem Benutzer die Gestaltung seiner Visiten und das Flanieren selbst überlassen, wirken unübersichtlicher gegenüber der Gliederung von Marco-Polo-Führern.Auch der sogenannte "Service" ist oft unzugänglich. Nun aber strebt Polyglott auf andere Weise nochmal die Rückkehr an die Spitze an.Seit März heißt es: "Polyglott goes online http://www.polyglott.de".15 Reiseziele werden - zusätzlich zum Print-Führer - im Internet und bei America Online vertreten sein.Gemeinsam mit dem Münchner Online-Entwickler "Yellow Planet" wurden die 15 Reiseführer, denen weitere folgen sollen, "mediengerecht" gestaltet, wie es bei Polyglott heißt.Erreicht werden soll "eine vielschichtige, multifunktionale, interaktive und komunikative Anwendung".Der User könne leicht und schnell durch das Angebot navigieren, in einem "Polyglott-Forum" sollen "User untereinander und mit der Redaktion kommunizieren können".Ein Archiv wird angelegt, aus dem man Bilder "downlowaden" kann, was bis zu einer Minute dauert.Die Daten sollen "von der Polyglott-Redaktion fortlaufend aktualisiert" werden, jeden Monat wird eine andere Destination "Schwerpunkt-Thema" sein und der "Tip des Monats" soll kurz vor Abreise Informationen zu topaktuellen Events am Zielort bringen.Auch ein regelmäßiges "Chat" soll eingrichtet werden, ein Plauderstündchen mit Autoren. Die Branche wundert sich.Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu Internet und Online, am großen Rest der Kundschaft geht das elektronische Angebot weitgehend vorbei.Die Kosten für die User überschreiten die 12.80 DM eines Print-Führers bei weitem.Die Daueraktualisierung ist aufwendig, kostet Zeit und ist teuer.Denn die Autoren müssen genauso wie ihre Kollegen bei denm Konkurrenten vor Ort in regelmäßigen Abständen die Lage sondieren, Neues aufnehmen, Telefonverbindungen, Öffnungszeiten und andere Angaben prüfen und aktualisieren - und dann müssen sie noch zusätzlich ins Netz eingespeist werden.Wenn die Aktualisierung nicht aller 12 bis 18 Monate erfolgt, wie bei den anderen üblich, sondern laufend, sind die Autoren ständig mit ihren Destinationen befaßt.Wie werden sie als freie Mitarbeiter des Verlags honoriert? Wieviel Mal im Jahr reist z.B.der von "USA - Der Südwesten", einem Gebiet so groß wie Europa, dort herum, um neue Tips geben zu können? Ein gewaltiger Aufwand, von dem längst noch nicht sicher ist, ob er sich lohnen wird.Bei den Mitwettbewerbern lehnt man sich zurück und verfolgt das Experiment mit Gelassenheit.Mal sehn, ob und was dabei herauskommt.Einzig Marco Polo hat sich bereits gegen einen elektronischen Auftritt entschieden.Dagegen wurde die Logistik verstärkt.Während Polyglott über die Daten-Highways surft, um vielleicht bei einer neuen Zielgruppe anzukommen, hat Marco Polo seinen Buchhandel-Service verbessert.In den letzten Monaten wurde die Kapazität auf 16 000 Palettplätze im Versandzentrum Ulm verdoppelt.Marco Polo liefert nun unter allen Anbietern am schnellsten und am günstigsten - ein Print-Produkt.

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