Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Immer ein offenes Auge

Franz Lerchenmüller

Sein Glück will er machen, der Junge aus Mecklenburg, Kaufmann möchte er werden und darüber hinaus die Welt sehen - und es gelingt: Unermüdlich schippert Theodor Cordua während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die Weltmeere, verhökert Uniformen, Salz, Rigaer Bretter und Wein aus Madeira, überlebt Brände, Piraten, Stürme und Betrügereien, häuft Vermögen an und verliert sie wieder. Nie gibt er auf. Und immer bewahrt er sich ein offenes Auge für die Welt.

In Surinam, wo es 1820 noch zwischen 60 000 und 70 000 Sklaven gibt, beschreibt er "Scenen, die einem das Herz zerreißen möchten" - im Gegensatz zu anderen Weißen hat er sich eins bewahrt. In Marokko kentert sein Schiff. In "Calnifornien" gründet er neben dem berühmten "Nova Helvetia" des Johann August Sutter seine Farm "Neu Mecklenburg", bringt sie zum Blühen und verkauft sie, als der Goldrausch ausbricht. Wo immer er auftaucht - Kolumbien, Marokko, Chile oder Sandwich-Inseln -, registriert er die Besonderheiten der Region: Von den Preisen für peruanischen Guano, über die Kriegstaktik türkischer Korsaren bis zu den Neujahrsbräuchen der Chinesen auf Java. Und er charakterisiert die Menschen mit einer Mischung aus Weltkenntnis und Mecklenburger Bodenständigkeit: "Die Calnifornier sind gastfrei und freundlich, küssen und lieben sich, haben überhaupt viele unserer mecklenburgischen Sitten. Dagegen sind Amerikaner kalt, frech, stolz und listig."

All diese Aufzeichnungen fließen in die Memoiren ein, die er am Ende seines Lebens, zurück in Güstrow, schreibt, und machen sie fast schon zu einem Kompendium der Flora und Fauna, der Wirtschaft und der Menschen der von ihm bereisten Länder.

Neugier und Unternehmungslust des Mecklenburger Jungen faszinieren auch heute noch ungemein. Auf der Stelle losziehen möchte man. Und selbst reich werden.

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