Zeitung Heute : Lesen und Reisen: Stenograf der Träume

21.07.2001 00:00 UhrVon Stefan Berkholz

Es ist ja so leicht, vom Süden zu träumen. Der spanische Schriftsteller Rafael Chirbes aber tut es auf ungewohnte Art. In seinem Buch "Am Mittelmeer" sind 13 Texte aus den Jahren 1986 bis 1997 gebündelt. Feuilletons, Reiseberichte, Momentaufnahmen, eine feine Auswahl seiner Kolumnen aus der Zeitschrift "Sobremesa".

Chirbes versteht sich nicht als Führer zu den Sehenswürdigkeiten, obwohl er manche erwähnt und zur Geschichte einer Region ohnehin eine Menge zu sagen weiß. Doch dies ist kein Studienführer, sondern vor allem ein Buch der Stimmungen, der Geräusche, der Gerüche. Ein Reisebuch, wie es früher geschrieben wurde und heute nur noch selten zu finden ist.

Eine Suche nach der verlorenen Zeit - mit allerlei Widerhaken.

Im Februar 1994 hatte sich der Autor auf die Reise in die eigene Kindheit begeben. Nach 40 Jahren wollte er den beschaulichen Hafen von Denia, südlich von Valencia, wiedersehen, mit seinen Fischerhäuschen. Chirbes hatte extra den Winter für seine Erinnerungsfahrt gewählt, um halbwegs ungestört reisen zu können. Aber er fand kaum etwas wieder. Die "Tourismusindustrie" hatte ganze Arbeit geleistet. "Die Stirnseite des Hafens" war "in eine Betonwand verwandelt" worden, dem Autor blieben nicht mehr als "Ruinen der Erinnerung".

Chirbes spricht in diesem Text vom "Ausmaß einer Epidemie, die die Bewohner des Mittelmeerraums befallen haben musste; eine plötzliche Abkehr von der ihnen eigenen Verständigkeit und Gemessenheit war das augenfälligste Anzeichen dieser Krankheit." Von da an sah der Autor die Regionen anders. Er überflog das "endlose Häusermeer von Alexandria, wo die Gebäude schon verfallen, bevor sie fertig sind"; er staunte über die "hässlichen Athener Vorstädte"; er verweilte nur kurz auf "an den Ufern von "Djerba, wo die Bagger die Palmen der Oasen ausreißen, um sie durch Wälder von Beton zu ersetzen". Chirbes registrierte Vernachlässigung, Dummheit und Desinteresse der Anwohner, Zersiedelung und Zerstörung allüberall. Aber die Freude am Reisen und an der Erkundung ließ er sich nicht vermiesen. Die Stadtsilhouette von Istanbul erscheint ihm wie ein Bühnenbild zu Tausendundeiner Nacht. Genua ist die "Stadt der Kontraste", voller Gassen und Labyrinthe und einem "überwältigenden Blick", vom Hafen aus. Kairo sieht er als einziges großes Warenlager, darin meint er, das "Pulsieren eines tausendjährigen Lebens an den Ufern des Nil" zu finden. Venedig, die Traumstadt für Paare, beschreibt er als Ziel aller Sehnsüchte und Illusionen. Rom schließlich gilt ihm als Stadt der Götter, in der dem Betrachter die eigene Vergänglichkeit schmerzlich bewusst wird.

Zum einen sind das traurige Abgesänge auf eine Zeit, die unwiderruflich dahin ist; zum anderen fängt der Autor Momente im Vorübergehen ein und bannt sie in seinen Texten. Was lebt fort in der Erinnerung?, fragt er sich. Und findet manche Sitten wie das Rauchen der Wasserpfeifen oder die Gebetzeremonien der Gläubigen; oder "die Stimmen und Handgriffe der Fischer, die sich wie in einem Spiel der Echos und Spiegelungen in jedem Winkel des Mittelmeers wiederholen".

Rafael Chirbes ist ein Bewahrer und Träumer, ein Stenograf, der Augenblicke festhält. "Heute ist das Paradies kein zusammenhängendes Gut mehr", erkennt er, "sondern liegt verstreut zwischen Betonklötzen und richtet sich nach dem Verlauf der Straßen." Ein paar dieser Inseln bewahrt der spanische Autor in seinen Texten.

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