LESUNGAndreas Maier „Die Straße“ : Damals im Hexenhaus

Alexander Leopold
Foto: picture alliance / dpa

Als Andreas Maier 2010 den Wilhelm-Raabe-Preis verliehen bekam, sagte er in seiner Dankesrede: „Es gibt kein besseres Früher, aber es kann am Früher gezeigt werden, was wir sind.“ Genau das macht der in Frankfurt am Main lebende Schriftsteller seit einigen Jahren, mit einer großen, angeblich auf elf Teile angelegten Familiensaga mit dem Arbeitstitel „Ortsumgehung“: Andreas Maier sucht darin die Welt seiner Kindheit, er versucht sie wiederzufinden, diese Welt wiederaufzubauen. Und er versucht zu zeigen, wer er selbst war, wer wir alle sind, die wir schon in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dieser, speziell bundesrepublikanischen Welt waren.

Nachdem 2010 eine Sammlung von Kolumnen über seinen „Onkel J“ gewissermaßen als Prolog und mit dem Untertitel „Heimatkunde“ veröffentlicht worden war, kamen in kurzer Folge drei Teile dieser Familiensaga heraus: die Romane „Das Zimmer“ (2010), „Das Haus“ (2011) und „Die Straße“ im vergangenen Jahr. In „Das Zimmer“ stand noch besagter Onkel J in der Mitte des Erinnerungsstroms. In „Das Haus“ ist es der kleine „Problemandreas“, der als Icherzähler und Hauptfigur fungiert, und in „Die Straße“ befindet sich der Problemandreas mitten in der Pubertät. Das Erwachen der Sexualität ist das Hauptthema dieses Buches, in einer Gesellschaft, die zwar komplett durchsexualisiert ist mit der „Bravo“, mit kleinen Prinzen und unter Pädophilieverdacht stehenden „Hexenhausmännchen“. Sie hat diese Sexualität aber auch sorgfältig in einer Parallelwelt verschlossen. Besser war es früher nämlich wirklich nie. Alexander Leopold

Literaturforum im Brecht- Haus, Di 28.1., 20 Uhr, 5/3 €

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