LESUNGGisela von Wysocki: „Wir machen Musik“ : Auf den Flügeln des Gesangs

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Jeder kennt diese staunende Kinderfrage bei der ersten Begegnung mit Fernsehern oder Radios: Wie passen nur all die Menschen, all diese Stimmen in so einen Apparat? Mit der Kindheit der 1940 geborenen Berliner Schriftstellerin Gisela von Wysocki hat das alles noch eine gesteigerte Bewandtnis. Ihr Vater brachte die Arien und mehr noch die Schlager seiner Zeit am Abend aus dem Büro gleichsam von ihrem Ursprung mit. Georg von Wysocki war in Berlin von den zwanziger Jahren bis 1952 Produzent und Unterhaltungsmusikchef der schwedisch-deutschen Schallplattenfirma Odeon.

In Gisela von Wysockis autobiografischer Erzählung „Wir machen Musik“ wird das Bild von den verwunschenen, auf zauberhafte Weise in das Radio oder den Fernseher gelangten Musikern auch zum witzigen Sinnbild. Ihr Buch ist eine raffiniert reflektierende Komposition in 64 Kapiteln, die als kurze Prosaszenen miteinander verfugt und zugleich gegeneinandergeschnitten sind. Man spürt hier die brillante Essayistin am Werk.

Das Berliner Kriegskind aber, schreibt die mit ihren Erinnerungen spielende Autorin, ist „am Arm der Musik“ und „auf den Flügeln des Gesanges“ ins Leben geleitet worden. Zu ihrer „éducation musicale“ gehören allerdings nicht nur die familiären Hauskonzerte; es ist auch der Hauch des Glamourösen, den der Vater aus den Aufnahmestudios mitbringt. „Wir machen Musik“ liest sich heiter und schwermütig zugleich. Aber es ist kein nostalgisches Buch. In den schönsten und filigransten Passagen erinnert es an ein großes Vorbild: Walter Benjamins „Berliner Kindheit“. Peter von Becker

Buchhändlerkeller, Do 6.1.,

20.30 Uhr, 5/3 €

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