LESUNG„Kolberger Hefte“ von Henryk Bereska : Still stehender Wind

Antje Horn-Conrad

„Am Himmel zwischen den violetten Ufern der Dämmerung zieh’n gelbe Flüsse; stumm und hastig, ihnen im Nacken die sinkende Nacht“, notierte Henryk Bereska im Oktober 1973 in seine Kolberger Hefte. Es sind seine Tagebücher, benannt nach jenem märkischen Ort, in den sich der in Oberschlesien geborene Dichter und Übersetzer nach seiner Tätigkeit für den Aufbau-Verlag zurückgezogen hatte. Politische und literarische Enge führte dazu, dass er seine Arbeit als Verlagsredakteur aufgab. Später folgten Repressalien, als er gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierte.

Die Autoren Ines Geipel und Joachim Walther, die in ihrer Reihe „Die verschwiegene Bibliothek“ Texte von Schriftstellern veröffentlichen, die in der DDR nicht publizieren durften, haben jetzt die literarischen Tagebücher von Henryk Bereska herausgegeben. Die Aufzeichnungen dokumentieren die Zeit von 1967 bis zum Ende der DDR, führen zu den Freunden Peter Huchel und Erich Ahrendt nach Wilhelmshorst, zu polnischen Dichterkollegen nach Krakow, in nächtliche Kneipengespräche und schließlich zu den scharfen Aphorismen und schönen Gedichten, geschrieben mit intensiv trübem Blick, „in den viel nüchternes Grau und oft still stehender Wind fielen“, so Ines Geipel im Nachwort. Andre Kaczmarczyk liest aus den „Kolberger Heften“ Bereskas, dessen großes Verdienst seine zahlreichen Übersetzungen polnischer Autoren wie Tadeusz Rózewicz und Adam Zagaewski bleiben wird. Im Anschluss an die Lesung spricht Ines Geipel mit Gilda Bereska, der Ehefrau des 2005 verstorbenen Dichters. Antje Horn-Conrad

Peter Huchel Haus, Wilhelmshorst bei Potsdam, Di 25.3., 20 Uhr, 5/4 €

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