LESUNGMalte Herwig „Die Flakhelfer“ : Das Verdrängungsding

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Mit der Erinnerung an seinen Eintritt in die NSDAP im Alter von 18 Jahren tut sich der Schriftsteller Erich Loest schwer. Doch anders als Martin Walser, Hans-Dietrich Genscher oder Hans Werner Henze räumt er dem Journalisten und Germanisten Malte Herwig gegenüber ein: „Ich muss wohl unterschrieben haben.“ Und er wundert sich: „Das Ding mit der Verdrängung muss bei vielen Leuten klappen.“

Die Verdrängung ist einer der Dreh- und Angelpunkte in Herwigs Buch über die „Flakhelfer“, die Generation der 1926 bis 1928 geborenen, die 1944 und 1945 noch eingezogen oder NSDAP-Mitglieder wurden, sich aber nach dem Krieg zu vorbildlichen, mitunter führenden Demokraten entwickelten. Der blinde Fleck aber blieb, die willentlich-unwillentliche Verführung als Jugendliche durch die Nazis. Und das Vergessen hatte ganze Arbeit geleistet, so dass fast alle Betroffenen sich trotz ihrer zutage geförderten Mitgliedskarteikarten nicht mehr an ihren NSDAP-Parteieintritt erinnern können. Davon erzählt Herwig immer wieder, und interessanter ist dann auch seine Geschichte über die NSDAP-Mitgliederkartei an sich: von ihrer nicht stattgefundenen Vernichtung 1945 über ihre Auswertung im Berliner Document Center durch die Amerikaner bis hin zur immer wieder durch diverse Bundesregierungen herausgezögerten Übergabe an das Deutsche Bundesarchiv. Herwig geht es in seinem lesenswerten Buch um Analyse und Verständnis, nicht um Verurteilung. Er weiß nur zu gut, „dass auch wir Jüngeren nicht als bessere Menschen geboren wurden, sondern es nur dem glücklichen Zufall unserer Geburt zu verdanken haben, dass wir nicht früher in Versuchung geführt wurden“. Gerrit Bartels

Topografie des Terrors, Niederkirchnerstr., Kreuzberg, Do 30.5., 19 Uhr, Eintritt frei

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