LESUNGRobert Harris „Intrige“ : Die Wahrheit der Schmöker

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Wie sagt es der Icherzähler in Robert Harris’ neuestem Romanstreich „Intrige“ doch einmal, nachdem ihn die Übergabe und Beschriftung eines Umschlags mit Enthüllungsmaterial an reißerische Fortsetzungsromane erinnert hat: „Inzwischen glaube ich, dass in solchen Reißern manchmal mehr Wahrheit steckt als im Sozialrealismus aller Romane von Monsieur Zola zusammen.“ Das ist schön gesagt, da mag gar mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drinstecken – und das ist sicher vor allem die Meinung des britischen Erfolgsschriftstellers Robert Harris und viel weniger die seiner Hauptfigur, des realen Geheimdienstchefs Frankreichs in den Jahren 1895 bis 1897, Marie-Georges Picquart. Dieser war eine Schlüsselfigur der 1894 beginnenden Dreyfus-Affäre.

Aber so manche künstlerische Freiheit hat sich Harris eben erlaubt in einem Roman, der den Frankreich und auch Europa erschütternden Fall des jüdischen Armeeoffiziers Alfred Dreyfus genauso präzise wie spannend und ohne eine einzige fiktive Figur nacherzählt. Picquart entdeckt, dass Dreyfus unschuldig ist und ein anderer französischer Armeeoffizier für die Deutschen spioniert – was aber nach der Verurteilung von Dreyfus keiner mehr hören, geschweige denn wahrhaben will. Aus dem Fall Dreyfus wird der Fall Picquart und der einer Armeeführung, die bis zum bitteren Ende nicht von ihren Lügengespinsten abrückt. Robert Harris widmet sich der Dreyfus-Affäre genauso gut und intensiv wie ein Sachbuchautor, mitsamt ihren gesellschaftspolitischen und psychologischen Implikationen – und er liefert darüber hinaus auch noch gute Unterhaltung. Gerrit Bartels

Dussmann, Mo 11.11., 19 Uhr, Eintritt frei

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